Deutscher Gewerkschaftsbund

Porträts

Betroffene berichten!


Wer heute im öffentlichen und privatisierten Sektor arbeitet, der braucht ein dickes Fell! In kurzen Reportagen berichten Beschäftigte aus den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Dienstes und privatisierten Dienstleistungssektors von ihren Gewalterfahrungen und den aus ihrer Sicht nötigen Handlungserfordernissen, um dem Problem Herr zu werden.

  • Sandra Klingbeil, Zugbegleiterin Fahrgäste der DB Regio

    Sicherheit im Zug: „Das Fahrpersonal darf nicht auf sich allein gestellt sein!“

    Sandra Klingbeil, Zugbegleiterin Fahrgäste der DB Regio

    Einen beschaulichen Job hat Sandra Klingbeil, würde man denken: Zugfahrten durchs Bayrische Land und das schöne Allgäu. Täglich ist sie zwischen Ulm, Augsburg, Lindau, München und Memmingen unterwegs. Nach einem Quereinstieg aus der Gastronomie vor vier Jahren betreut sie jetzt als Zugbegleiterin Fahrgäste der DB Regio.

    Die 38-Jährige will Menschen helfen, Ansprechpartnerin sein. Doch die Beschaulichkeit hat ihre Grenzen. „Hier im Allgäu ist leider nicht alles eitel Sonnenschein“, so Klingbeil. „Zwar ist es zum Glück noch nicht so weit wie in manch anderer Region, wo die Kundenbetreuer nur mit Unterstützung der DB Sicherheit oder stichsicherer Weste durch den Zug gehen können. Doch so weit darf es gar nicht erst kommen!“ Darum setzt sich Sandra Klingbeil im Betriebsrat der DB Regio für mehr Sicherheit der Zugbegleiter ein.

    Aggressionen und Übergriffe sind das tägliche Brot für die Kundenbetreuer und Kundenbetreuerinnen bei der Bahn. Der Alkohol- und Drogenmissbrauch hätte zugenommen, das merke die zweifache Mutter deutlich bei ihrer Arbeit im Zug. Die Menschen seien aggressiver geworden, wollen immer weniger zahlen, erwarten aber immer mehr Leistung. Sie suchen einen Blitzableiter. Den fänden sie häufig beim Zugbegleiter. „Das geht damit los, wo sie ihre fünf großen Koffer unterbringen sollen, dann weint das Kind nebenan, oder es ist kein Sitzplatz in der 1. Klasse vorhanden. Die Liste ist endlos – und für all das werde ich als Kundenbetreuer verantwortlich gemacht.“

    Eigensicherung als letzter Ausweg

    Sandra Klingbeil hat sich schon oft in den Führerstand zurückziehen müssen – zur Eigensicherung vor aggressiven Fahrgästen. „Ich musste mir vieles anhören: Ich solle vergast werden, man will mir den Kopf abschlagen, ich solle doch verrecken.“ Wenn Klingbeil im Falle eines ungültigen Fahrscheins die Personalien aufnehmen und das Ticket einbehalten muss, sei dies sehr oft ein Auslöser für Aggressionen. „Die Leute verstehen nicht, dass wir nur unseren Job machen.“ Wenn sich dann ein Fahrgast vor ihr aufbaut, fühlt sich allein das in den engen Abteilen schon bedrohlich an. Mit Deeskalationstechniken versucht sie zu beruhigen, körperlichen Abstand zu halten oder die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste auf die Situation zu lenken. „Doch manchmal ist der letzte Ausweg, sich im Führerstand einzuschließen und in Sicherheit zu bringen.“

    Kaum Konsequenzen

    Strafanzeigen gegen solche Angreifer haben oft keine Konsequenzen. Wenn kein offensichtlicher körperlicher Schaden entstanden ist, werten die Behörden den Übergriff als Bagatelle, das Verfahren wird eingestellt. „Ich muss beweisen, dass nicht ich diejenige war, die gewalttätig gegen den Fahrgast wurde“, beschreibt Klingbeil den Aufwand. Doch das geht nur mit Zeugen. Die zu finden ist fast unmöglich, weiß die Allgäuerin. Viele Fahrgäste verlassen sogar das Abteil, wenn die Situation für den Zugbegleiter brenzlig zu werden droht. „Wir sind auf uns allein gestellt!“

    Ein weiterer Umstand erschwert die Strafverfolgung: Viele kleinere Bahnhöfe würden von der Polizei nicht angefahren, dafür reicht das Personal nicht. Insbesondere die Strecke zwischen Memmingen und Ulm berge große Probleme. Die Fahrgäste wissen, dass hier kaum mit einer Strafe zu rechnen ist. Wer ohne Ticket erwischt wird, stellt auf stur, gibt seine Personalien nicht preis und steigt nicht aus. „Als Zugbegleiter musst du abwägen: Nimmst du in Kauf, dass hundert Leute zu spät kommen wegen einem Betrüger? Oder belässt du es, damit der Zug pünktlich weiterfährt? Doch dann weiß der Schwarzfahrer genau, dass er bei dir immer davonkommt.“ Jede Situation verlange Fingerspitzengefühl von den Zugbegleitern – und immer auch die Abwägung, ob sie sich selbst in die Schusslinie bringen. 

    „Beschimpfungen dürfen nicht normal sein!“

    Im Gegensatz zu anderen Kollegen und Kolleginnen, die Stichwunden, blaue Flecken oder Langzeitschäden davongetragen haben, habe sie bislang eigentlich Glück gehabt, resümiert die gebürtige Thüringerin. „Aber wo ist die Grenze? Muss immer erst ein Schaden entstehen?“ Klingbeil und ihre Kollegen im Betriebsrat wollen das so nicht hinnehmen und untersuchen Übergriffe auf den Zügen systematisch. Das Problem: Viele Zugbegleiter melden kleinere Vorfälle nicht, zum Teil weil dies mit extra Aufwand verbunden ist. „Wir mussten die Kollegen sensibilisieren: Es ist nicht normal, dass dich jemand beschimpft, schubst, Morddrohungen ausspricht oder seine Fahrkarte nicht zeigt. Dagegen müssen wir ankämpfen. Auch wenn wir manchmal 40 Berichte schreiben und nichts passiert. Dann müssen wir eben 50 schreiben!“

    Die Aktion trägt Früchte: Mehr und mehr Kollegen melden Vorfälle. „Damit konnten wir die nötige Faktenbasis schaffen, um nachzuweisen, hier läuft etwas schief!“ Der Arbeitgeber reagiert, bestellt für verstärkte Kontrollen in den Zügen die DB Sicherheit. Und: Auf der anspruchsvollen Strecke zwischen Memmingen und Ulm wurden zwei Zugbegleiter eingesetzt. „Normalerweise sind wir mit dem Lokführer allein auf dem Zug. Auf dieser Strecke jedoch sind die Betrugsrate und die Zahl der Übergriffe am höchsten. Lange haben wir dafür gekämpft, dass diese Züge doppelt besetzt werden.“ Das gelte auch für spezielle Fahrten wie etwa nach dem Oktoberfest, zum Fasching oder nach Fußballspielen. An derartigen Terminen müsse stärker auf die Sicherheit des Personals geachtet werden.

    Ein Kampf gegen Windmühlen

    Doch davon sind die Kollegen im Allgäu noch weit entfernt. Obwohl nach drei Monaten Doppelbesetzung auf der Strecke Ulm-Memmingen jetzt schon nachweisbar ist, dass Angriffe und Angriffslust zurückgegangen sind, wird der Testlauf erst einmal nicht fortgesetzt. Eine permanente Doppelbesetzung kann die DB Regio nicht allein finanzieren – und verhandelt daher aktuell mit der Bayerischen Eisenbahngesellschaft BEG. Diese legt als Auftraggeber fest, auf welchen Strecken, in welchem Takt und mit wie viel Personal die Züge fahren. Klingbeil hofft auf einen Konsens und eine Kostenbeteiligung der BEG, damit bald wieder mehr Personal eingesetzt werden kann. „Sonst stellen wir die Kollegen erneut in die Schusslinie, bis wir nach 20 oder 30 Übergriffen genug Fakten haben, damit die Besetzung wieder hochgefahren wird.“ Kein Wunder, dass viele ihrer Kollegen das Gefühl hätten, sie seien auf sich selbst gestellt und werden nicht geschützt.

    Zumal es kaum Trainings für brenzlige Situationen im Job gibt. Ein Deeskalationstraining ist nur Bestandteil der Quereinsteiger-Ausbildung, für alteingesessene Bahn-Kollegen gibt es kein Angebot. Auch Selbstverteidigungskurse existieren nicht. Und Pfefferspray darf ein Kundenbetreuer nur mit sich führen, wenn er eine entsprechende Schulung unterlaufen hat. Diese wurde bislang nur einmal angeboten – bei etwa 500 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Klingbeils Gebiet. „Wir setzen uns als Betriebsrat dafür ein, dass solche Schulungen regelmäßig und für alle angeboten werden, denn die Sicherheit des Fahrpersonals darf keine Geldfrage sein.“ Die Bemühungen zeige Wirkung: Der Arbeitgeber hat versprochen, den Bedarf an einer weiteren Pfefferspray-Schulung unter den Zugbegleitern erneut abzufragen.
    Neben der Doppelbesetzung in speziellen Zügen und mehr Sicherheitstrainings wünscht Sandra Klingbeil sich vor allem eines: dass endlich das Wort zählt und nicht die Statistik. „Unser System muss vereinfacht werden. Wir betreiben einen Riesenaufwand, uns zu rechtfertigen, Beweise zu finden, seitenweise alles nieder zu schreiben. Das müssen wir ändern, damit die Kollegen Übergriffe überhaupt erst melden und der Arbeitgeber auf diese Fakten reagieren kann.“ Das alles könne vorbeugend dazu beitragen, die Risiken zu minimieren. „Wir müssen präventiv handeln, nicht erst wenn etwas passiert ist“, fordert die Zugbegleiterin. „Wir alle mögen unseren Job aber wir setzen uns dabei täglich Gefahren aus. Wenn wir aber präsent sind, für den Notfall gut vorbereitet, einen Kollegen an der Seite… dann können wir wieder mit Freude an der Arbeit durch den Zug gehen und zeigen: Mit uns nicht!“

  • Siegfried Weber, Stadtbusfahrer in Wiesbaden

    „Du stehst alleine da“

    Siegfried*, Stadtbusfahrer in Wiesbaden

    Siegfried ist seit 1989 Busfahrer in Wiesbaden. Beziehungsweise war er das bis vor etwa einem halben Jahr. Täglich fuhr der gebürtige Mainzer Menschen kreuz und quer durch die Stadt. Zuletzt nur noch tagsüber. „Darüber war ich sehr glücklich: der Dienst an den Abenden und Wochenenden wurde mir zu gefährlich.“ Es gäbe keinen Tag, an dem man nicht von Übergriffen oder Gewaltandrohungen gegen die Kolleginnen und Kollegen höre. „Es wird immer heftiger.“ Der 56-Jährige ist gerne Busfahrer, daher kann er diese Gefahren zu 99 Prozent ausblenden. Aber manchmal belastet die Angst ihn doch. „Ich habe immer im Hinterkopf, es könnte etwas passieren!“ Und das kommt nicht von ungefähr: Dreimal wurde Siegfried bisher selber mit direkter Gewalt konfrontiert. Und seit dem jüngsten Vorfall ist der Rheinhesse auch über ein halbes Jahr später noch immer krankgeschrieben und kämpft mit den gesundheitlichen Folgen.

    Es ist der 22. Januar 2019, helllichter Nachmittag. Siegfried lenkt seinen Bus mitten durch eine noble Gegend von Wiesbaden. Nach einer Haltestellenabfahrt hört er plötzlich Geschrei und Aufregung im Bus. „Im hinteren Bereich schimpfte und zeterte ein Fahrgast lauthals. Ich gab über das Mikrofon die Ansage durch, dass er bitte Ruhe bewahren solle, sonst müsse ich die Polizei rufen.“ So haben Siegfried und seine Kollegen es in den Deeskalationstrainings trainiert. „Der Mann beruhigte sich aber nicht. Ein zweites Mal sprach ich die Ansage durchs Mikrofon.“ Eine junge Frau kommt jetzt vom hinteren Teil des Busses zu ihm an den Fahrerplatz und bittet um Hilfe. „Sie hatte Angst. Der Mann pöbele sie an und beschimpfe sie heftig.“ Mittlerweile ist Siegfried drei Haltestellen weiter. Er stoppt den Bus, stellt den Motor ab, zieht den Schlüssel, öffnet alle Türen und geht ruhig nach hinten zu dem schreienden Mann, der eine leere Wodkaflasche in der Hand hält, wie er nun sieht.

    Unvermittelter Angriff

    „Ich sagte zu dem Mann, dass das so nicht ginge und für ihn hier nun Endhaltestelle wäre. Mit Widerstreben und lautem Geschimpfe verließ er den Bus aus der dritten Tür.“ Siegfried will zügig zurück zum Fahrerplatz gehen, um die Türen zu schließen, kommt aber im Inneren nicht durch. Etwa 60 bis 70 Fahrgäste versperren ihm den Weg. Also steigt er rasch aus der mittleren Tür aus. Da steht plötzlich der Betrunkene vor ihm. „Alles ging ganz schnell: er boxte mich unvermittelt auf die linke Seite des Brustkorbes. Ich war völlig perplex und packte ihn am Kragen seiner Jacke, um mich vor weiteren Schlägen zu schützen.“ Der Mann lässt sich fallen, dreht sich dabei um die eigene Achse. „Ich bekam meine Hand nicht mehr rechtzeitig aus seiner Kleidung.“

    „Plötzlich waren alle weg.“

    Dass der Busfahrer sich dadurch verletzt, bemerkt er in dem Moment gar nicht. Als der Betrunkene auf dem Gehweg liegt, kann Siegfried seine Hand befreien. Er geht rasch in den Bus zurück, um die Polizei zu rufen. „Die Polizei ließ lange auf sich warten, die hatten viel zu tun. Der Betrunkene lief die ganze Zeit draußen an meiner Tür vorbei und schrie und pöbelte mich an.“ Endlich kommt ein Polizeiauto, die Beamten überwältigen den randalierenden Mann und führen ihn ab. Die Fahrgäste verlassen fast alle eilig den Bus. „Als die Polizei da war, waren plötzlich alle weg! Da waren auch vier oder fünf Jungen im Bus, die alles mit dem Handy filmten. Das war besonders nervig. Aber auch die waren fort. Allein die junge Frau, die mich um Hilfe gebeten hatte, blieb bei mir und bot an, eine Zeugenaussage zu machen. Am Ende stehst Du alleine da.“

    Angriff mit Folgen

    Siegfried ist immer noch krankgeschrieben, hat dauerhafte Schäden an seiner Hand. „Erst war mir gar nicht klar, was los war. Aber im Krankenhaus kam der Schock: Bänder kaputt, Knorpel verdreht. Das konnte nicht operiert werden, es muss langsam ausheilen.“ Erst jetzt, ein gutes halbes Jahr nach dem Vorfall, beginnt er langsam mit der Wiedereingliederung, versucht die Hand mithilfe eines Kompressionshandschuhs zu benutzen. „Man kann ja nur mit zwei Händen Bus fahren.“ Ständig hat er Probleme, die Hand schwillt an und schmerzt, gerade bei Wetterwechsel.

    „Wir müssen aufhören, unsere Zukunft kaputt zu machen!“

    Der Mainzer hat Strafantrag gestellt. „Das war für mich gar keine Frage! Diese Leute müssen merken, dass so etwas nicht geht. Wir machen alle nur unsere Arbeit, solche Übergriffe dürfen wir nicht ungeahndet hinnehmen!“ Er versteht nicht, warum die Gesellschaft so respektlos geworden ist. „Der Nahverkehr – wie alle anderen öffentlichen Güter – kommt jedem in unserer Gesellschaft zu Gute. Alle Kollegen im Öffentlichen Dienst machen unser Leben ein bisschen besser, ob Polizisten, Sanitäter oder Busfahrer. Die Leute sollten mal drüber nachdenken, wie unser Land ohne diese sozialen Dienstleistungen aussehen würde.“ Siegfried macht sich Sorgen um die Zukunft, denn er sieht und hört täglich, wie die Wertschätzung für die Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen drastisch abnimmt. „Die Gesellschaft braucht ein Umdenken: Damit wir das Gut, wovon wir alle profitieren, nicht endgültig zerstören!“

    Würde er wieder so handeln? Ja! Zwar beginnt man im Arbeitsalltag, Konfrontationen zu vermeiden. Denn am Ende sitzt man als Fahrer alleine da und hat Angst. Da helfen auch kein Panikknopf und keine geschlossene Kabine. „Doch wenn die Fahrgäste in Not sind, kann ich nicht still sitzen bleiben!“

     *Name auf Wunsch von der Redaktion geändert

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Alexander Bernbach, ehemaliger Personalratsvorsitzender und Einsatzleiter bei der Berufsfeuerwehr Kassel

    „Wir müssen unsere Leute besser schützen.“

    Alexander Bernbach, ehemaliger Personalratsvorsitzender und aktuell Feuerwehrmann bei der Stadt Neu-Isenburg

    Welcher kleine Junge träumt nicht davon, Feuerwehrmann zu werden. Der Mythos des Guten, der Retter in der Not, schwebt über den Männern und Frauen mit Wasserschläuchen, Einsatzwagen und Brandschutzuniformen. Auch Alexander Bernbach startete schon früh seine Feuerwehrkarriere. Mit knapp 18 Jahren stieg er bei der freiwilligen Feuerwehr seiner Heimatregion im Landkreis Kassel ein. Die Ausbildung bei der Berufsfeuerwehr folgte mit 22. Heute sieht der 40-Jährige den Mythos des Traumberufs langsam bröckeln. Tägliche Pöbeleien bei sinkender Anerkennung und hohen Ansprüchen, eine wenig attraktive Bezahlung und nicht immer der notwendige Rückhalt aus Politik, Gesellschaft und manchmal auch der Führungsebene: Nicht ohne Grund leiden viele Berufsfeuerwehren in Deutschland unter akutem Nachwuchsmangel.

    Fast 18 Jahre fährt Bernbach schon Einsätze bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst. Denn neben der Brandbekämpfung liegt ein Fokus der Feuerwehr Kassel auch auf der rettungsdienstlichen Erstversorgung und den medizinisch notwendigen Krankentransporten. Dafür wird jeder Feuerwehrbeamte und jede Feuerwehrbeamtin der Berufsfeuerwehr zum Rettungssanitäter und viele auch weiterführend zum Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter ausgebildet. Zweimal die Woche haben Bernbachs Kolleginnen und Kollegen Dienst in 24-Stunden-Schichten. Für die Feuerwehrleute ganz normale Arbeitszeiten. Doch nicht nur die Einsatzzeiten sind anspruchsvoll. „Das Arbeitspensum und auch der qualitative Anspruch sind in allen Bereichen deutlich gestiegen“, resümiert Bernbach, der sich lange Jahre im Personalrat engagierte. „Feuerwehr, Rettungsdienst und Leitstellenarbeit verlangen nach einem hohen spezifischen Fachwissen. Die Ausbildungen sind in den letzten Jahren viel umfassender geworden.“

    „Das Gewaltpotenzial ist erschreckend.“

    Auch die Erwartungen der Bevölkerung an die Feuerwehr werden fordernder. „Früher waren wir die Guten. Heute wird gepöbelt, wenn wir drei Minuten später kommen.“ Dass die Bürger aufgebracht sind, wenn der Rettungsdienst oder die Feuerwehr nicht schnell genug vor Ort erscheinen, kann Bernbach nachvollziehen. „Aber die Häufung der Übergriffe und das Gewaltpotenzial der eigentlich Hilfesuchenden ist schon erschreckend.“ Bei vielen Rettungsdiensteinsätzen, gerade an den Wochenenden, sind oft Alkohol oder andere Drogen im Spiel – da kann so manche Situation schnell eskalieren. Beleidigungen seien für seine Kolleginnen und Kollegen an der Tagesordnung. Auch Drohungen mit Schlagringen oder anderen waffenähnlichen Gegenständen habe er schon selbst erlebt. Als Auslöser reichen laut Bernbach oft schon Kleinigkeiten oder falsche Gesten aus. „Bisher habe ich es immer geschafft, in brenzligen Situationen deeskalierend oder beruhigend zu wirken. Oft reicht es, den Leuten die ausgestreckte Hand vorzuhalten: bis hierhin und nicht weiter“, weiß er aus Erfahrung. „Aber immer öfter benötigen wir die Hilfe der Polizei.“

    Wenig Personal bei hohen Ansprüchen

    Dass Rettungsdienst oder Feuerwehr in manchen Fällen etwas länger brauchen, hat einen einfachen Grund: die Personaldecken nahezu aller Berufsfeuerwehren und Rettungsdienstorganisationen sind laut Alexander Bernbach recht knapp bemessen. Der Stadt Kassel stehen etwa im Bereich der Berufsfeuerwehr insgesamt nur 31 Kolleginnen und Kollegen rund um die Uhr zur Verfügung; im Vergleich zu anderen Städten sogar noch ein guter Schnitt. Zwar findet es der ehemalige Personalratsvorsitzende verständlich, dass die finanziellen Ressourcen der Kommune begrenzt sind. „Aber die Erwartungshaltung nach sofortiger Hilfe – auch bei nicht wirklich dringlichen Einsätzen – ist bei vielen Bürgern sehr hoch“, weiß Bernbach. „Und die Einsatzzahlen, gerade auch die der medizinisch nicht notwendigen, steigen stetig“.

    „Unser Job fängt schon mit 40 Jahren an, wehzutun.“

    Erschwerend komme gerade im Rettungsdienst die hohe körperliche Belastung hinzu. Nicht ohne Grund sei bei vielen Rettungsdienstorganisationen das Durchschnittsalter sehr niedrig. „Bei uns fängt es schon mit 40 an, wehzutun“, sinniert Bernbach. Auch wenn die Personalfluktuation bei den Feuerwehren im Vergleich zu vielen anderen Organisationen geringer sei, werden auch hier im Rettungsdienst oftmals die jüngeren Kolleginnen und Kollegen eingesetzt. Doch oft fehle es ihnen an Wissen und Erfahrung im Umgang mit Aggressionen und Gewaltandrohungen. Das Problem: In der Standardausbildung wird der Umgang mit eskalierenden Situationen wenig bis gar nicht vermittelt. „Die Fähigkeit, bei aggressiver Stimmung ruhig zu bleiben – das muss trainiert und gelehrt werden“, fordert Bernbach.

     „Wir brauchen mehr Schutz.“

    Will sich ein Feuerwehrbeamter oder eine Feuerwehrbeamtin im Bereich Deeskalation oder Selbstverteidigung weiterbilden, geschieht das bisher meist nur in der Freizeit und auf eigene Kosten. „Für unseren Beruf ist es aber essentiell, das richtige Verhalten zu erlernen oder zu trainieren, welche Form der Verteidigung die richtige ist“, so Bernbach. „Denn nicht zuletzt ist der Einsatz von Gewalt für uns, wie für jeden anderen Bürger auch, nicht zulässig und kann strafrechtliche Konsequenzen haben.“ Doch sämtliche Kosten für ein Strafverfahren oder eine anwaltliche Vertretung müssen die Kolleginnen und Kollegen selbst tragen. Hinzu komme, dass in vielen Fällen während einer laufenden Ermittlung die Arbeit im Einsatzdienst nicht zulässig ist. Das bedeutet weitere finanzielle Einbußen – unabhängig davon, ob man schuldig ist oder nicht. Gefühlt stünden laut Bernbach die Feuerwehrleute in einem solchen Fall ziemlich alleine da. „Aufgrund unseres Jobs ist unser Risiko für Übergriffe höher, da wäre eine bessere Absicherung wünschenswert“.

    Ohne Aufwand wird es nicht gehen

    Auch wenn Alexander Bernbach mittlerweile nicht mehr regelmäßig auf den Löschfahrzeugen oder im Rettungsdienst eingesetzt ist, kann er die Belange und Ängste seiner Kolleginnen und Kollegen noch gut verstehen. „Natürlich werden viele dieser Maßnahmen Geld kosten, aber die Sicherheit der Feuerwehrmänner und -frauen sollte es allemal wert sein“, sinniert der Einsatzleiter. „Die Welt um uns, die Werte, haben sich verändert. Daran müssen sich auch künftige Konzepte orientieren. Dabei geht es nicht nur um Geld und Arbeitszeit, es geht auch um fehlendes Ansehen, Schutz und Sicherheit.“

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Christian Greiser, Mitarbeiter im Allgemeinen Ordnungsdienst, Bezirksamt Berlin Mitte

    „Plötzlich flog ein Pflasterstein auf mich zu!“

    Christian Greiser, Mitarbeiter im Allgemeinen Ordnungsdienst, Bezirksamt Berlin Mitte

    Berlin Alexanderplatz. Ein Abend vor etwa drei Jahren. Christian Greiser ist mit zwei seiner Kolleginnen und Kollegen vom Ordnungsamt Berlin Mitte unterwegs auf Streife. Wie immer hat das Team jede Menge zu tun: Sie kontrollieren öffentliche Plätze, ahnden Abfallverunreinigungen oder unerlaubte Grillfeste, gehen Beschwerden wegen Ruhestörungen nach... die Aufgaben sind vielfältig und die Anrufe auf der Wache des Ordnungsamtes oft nicht alle zu bewältigen. Gerade kontrollieren Greiser und sein Team das Areal zwischen Fernsehturm und Neptunbrunnen. Ihnen fällt eine Gruppe junger Männer mit Schnapsflaschen auf. Doch in diesem Bereich ist öffentlicher Alkoholkonsum nicht erlaubt. Greiser will ihre Personalien überprüfen. Dass ihm das zum Verhängnis werden wird, ahnt der 52-Jährige noch nicht.

    Unterwegs zu sein, unter Menschen, das war schon immer das Lebenselixier von Christian Greiser. Bis zu diesem Tag im Jahr 2014. Nach einer Ausbildung zum Polizeibeamten in seiner Heimatstadt Münster orientierte sich der Westfale um, reiste viele Jahre im Außenhandel durch Deutschland. „Für mich ist es der reinste Alptraum, den ganzen Tag im Büro zu sitzen.“ Schließlich wird er in Berlin sesshaft, liest hier eine Annonce: Das Ordnungsamt sucht Mitarbeiter. Für Greiser die perfekte Stelle: „Als gelernter Polizist bietet der Ordnungsdienst viel Bekanntes. Wir haben die gleichen Befugnisse wie die Polizei, nur gehen wir eben keinen Straftaten, sondern Ordnungswidrigkeiten nach.“ Greiser bekommt den Job prompt und wird Anfang 2009 Mitarbeiter im Allgemeinen Ordnungsdienst (AOD) beim Bezirksamt Berlin Mitte.

    Die Angst hat zugenommen

    Die Arbeit erfüllt ihn, verändert sich über die Jahre aber auch. Einfach ist es fast nie. Denn mit ihrem Eingreifen machen sich die Mitarbeiter des AOD nicht immer Freunde. „Wir ernten oft Unverständnis. Wenn etwa Eltern den Verkehr blockieren, weil sie ihr Kind ins Schulgebäude bringen, muss ich eingreifen“, erläutert Greiser. Doch oft verstehen die Eltern nicht, dass sie falsch handeln. Hauptsache, ihr Kind komme sicher zur Schule. Dieses diffuse Angstgefühl habe generell stark zugenommen. „Die Gewaltbereitschaft ist höher geworden, leider auch durch Zugewanderte. Das merken wir in unserem Job täglich“, muss Greiser feststellen. „Rentner kommen mit Tränen in den Augen zu uns, weil sie sich nicht trauen, U-Bahn zu fahren.“ Alleine gehen die Kolleginnen und Kollegen daher nie auf Streife.

    Als er den Job antrat, wollte Greiser etwas bewegen. „Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass ich Jahre im Rückstand bin, hier für Ordnung zu sorgen.“ Um die Bezirke Mitte, Tiergarten und Wedding mit rund 300.000 Einwohnern kümmern sich 27 AOD-Mitarbeiter. Durch das Schichtsystem sind für das gesamte Gebiet oft nur zehn von ihnen zeitgleich im Einsatz. „Für die Menge an Aufgaben und die Größe des Einsatzgebietes reicht das Personal hinten und vorne nicht. “ Und die wachsende Gewaltbereitschaft in der Stadt tue dazu ihr Übriges.

    Ein Routineeinsatz eskaliert

    Mehr Gewalt, wachsende Aggression, das kennt Christian Greiser aus dem eigenen Arbeitsalltag. „Man hat mir das Knie eingetreten, mich mit einem Vorschlaghammer bedroht, Hunde auf mich gehetzt. Das alles kann ich noch verkraften. Was mich aber bis heute beschäftigt, ist der Vorfall am Alexanderplatz.“ Bei der Kontrolle der Männer weist Greiser sie darauf hin, dass Alkoholkonsum hier verboten sei. Die Gruppe aus dem arabischen Raum zieht zähneknirschend weiter. Stunden später sieht das AOD-Team sie an anderer Stelle wieder. Die Männer trinken aus neuen Vodkaflaschen. Jetzt sind zwei junge Mädchen bei ihnen, die sie mit Alkohol und Zigaretten versorgen. „Wir mussten einschreiten. Die Mädchen waren gerade mal elf und 15 Jahre alt.“ Doch eines der Mädchen fällt Greisers Kollegen an, wehrt sich mit Händen und Füßen. Greiser will helfen, sie festhalten. Plötzlich schlägt die Situation um. Die Männer greifen ein; versuchen, das Mädchen aus den Händen der Beamten zu befreien.

    „Ich hatte Todesangst!“

    Greiser sieht alles wie im Film an sich vorbeiziehen. „Die Situation eskalierte völlig unvorhergesehen von friedlich zu äußerst brutal.“ Seine Kollegin setzt einen Polizeinotruf ab, landet erst in der Warteschleife. Plötzlich hört Greiser dumpfe Geräusche. „Wenige Meter neben mir lockerten ein paar der Männer schwere Pflastersteine aus dem Boden. Ehe ich begriff, was geschah, flog ein Stein auf mich zu. Ich konnte den Kopf gerade noch zur Seite ziehen, sonst wäre ich heute nicht mehr hier.“ Jetzt gehen die Männer mit den Flaschen auf ihn los. Er versucht an sein Pfefferspray zu kommen, tritt und schlägt um sich. „Ich hatte Todesangst. Zum ersten Mal im Leben habe ich gespürt, was Verzweiflung ist!“ Endlich gelingt es ihm, das Pfefferspray gegen den Rädelsführer zu ziehen. Nach endlosen Minuten hört er die Polizeisirenen. Die Männer fliehen, doch der Polizei gelingt es, den Großteil zu stellen. Zwei von ihnen kann Christian Greiser identifizieren. Einer wird vor Gericht verurteilt. „Ich konnte nur von einem mit absoluter Sicherheit sagen, dass er Steine geworfen hat. Alles ging viel zu schnell.“

    Tiefgreifende Nachwirkungen

    Greiser hat bei alledem nur eine Verletzung am Daumen davongetragen – äußerlich. Innerlich sah und sieht es anders aus. „Erst dachte ich, ich schaffe das. Aber die Angstzustände wurden immer schlimmer“, beschreibt er die Zeit nach dem Angriff. Er sucht psychologische Hilfe, fast drei Jahre ist er in Behandlung. Nichtsdestotrotz lebt er jetzt mit dem Status einer 40-prozentigen Behinderung, mit Gleichstellung zur Schwerbehinderung. Heute meidet der ehemals gesellige Fußballfan Menschenansammlungen, geht abends nicht mehr aus.

    Früher, auch bei der Polizei, gelang es Christian Greiser problemlos, trotz drohender Gefahren keine Angst zu empfinden. Die mentale Vorbereitung war entscheidend. Doch der Angriff hat sein Leben verändert. „Wenn ich draußen bin, fahre ich mit erhöhtem Puls. Ich habe jetzt eine neue Vorstellung, wie gewaltbereit Menschen sein können.“ Greiser muss eine schwere Entscheidung treffen, wird in absehbarer Zeit in den Innendienst wechseln. Für den einst so reiselustigen Westfalen kaum vorstellbar, doch er will realistisch sein. Man hilft ihm im Amt, einen passenden Job zu finden. „Ich habe großes Glück mit meinen Vorgesetzten, von Anfang an. Nach dem Vorfall hat unser Chef uns jegliche Hilfe zugesagt. Er war und ist ein Musterbeispiel an Fürsorge.“

    „Das Ordnungsamt ist kein Fußabtreter!“

    Trotz der psychischen Belastung für Greiser erkennt die Unfallkasse Berlin die Folgen dieses Angriffs nicht an. Greiser ging vor Gericht, doch sein Anwalt sieht geringe Erfolgschancen. Die Kasse vertritt den Standpunkt, in solch einem Beruf müsse man mit diesen Konsequenzen rechnen. „Es ist schlimm, wenn die Gier den Anstand besiegt“, schüttelt Greiser zornig den Kopf. Ihm fehlt es am Schutz durch die Politik. „Unsere Amtsleitung, der Außendienstleiter und der Bezirksbürgermeister geben uns zwar den vollen Rückhalt. Aber die höhere Politik schaut weg. Denn Sicherheit kostet Geld. Und das würde den Bürger übermäßig belasten.“

    Greiser sieht zudem ein wesentliches Problem in fehlender Aufklärung: „Keiner kennt die Befugnisse des Ordnungsamtes und die Folgen eines Widerstandes. Jeder denkt, das Ordnungsamt sei eine Art Fußabtreter.“ Eine Idee aus Dresden begeistert Greiser: Auf den Uniformen der AOD-Kolleginnen und Kollegen ist jetzt „Polizeibehörde“ zu lesen. Die Übergriffe auf die Mitarbeiter seien merklich zurückgegangen. „Das wäre eine kleine Maßnahme, die viel bewirken kann. Denn man kann ein Rudel Wölfe nicht mit einem Schaf beherrschen.“ Vielleicht wird ihm dieser Wunsch irgendwann erfüllt. Auch wenn er die Veränderung nicht mehr auf der Straße erleben, sondern vom Schreibtisch aus verfolgen muss. Zum Zeitpunkt des Interviews war Christian Greiser wieder krankgeschrieben, aufgrund eines erneuten tätlichen Angriffs im Dienst.

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Dennis Bitzer, Zugchef bei der DB Fernverkehr AG in Nürnberg

    „Sicherheit gibt es nur auf Bestellung!“

    Dennis Bitzer, Zugchef bei der DB Fernverkehr AG in Nürnberg

    „Einen wunderschönen guten Morgen, Ihre Fahrausweise bitte!“ Wenn Dennis Bitzer täglich durch seinen ICE streift, ein Lächeln im Gesicht, mit klarer Stimme und wachem Blick, ob irgendwo ein Gepäckstück im Weg steht oder jemand Unterstützung benötigt… da kann man eigentlich nur zurücklächeln und schon mal die Fahrkarte zücken. Der 31-jährige Zugchef strahlt eine freundliche Gelassenheit aus, die ansteckt. Eigentlich. Denn immer öfter schlägt ihm Ignoranz, angespannte Stimmung oder gar Aggression entgegen. „Höflichkeit ist zur Ausnahme geworden“, konstatiert der Wahl-Nürnberger. „Die Leute sind immer gestresster, das Aggressionspotenzial steigt merklich. Mehr und mehr Menschen suchen förmlich nach Auseinandersetzung.“

    Als er vor 13 Jahren in seiner Heimat Berlin mit einem Praktikum und der Ausbildung bei der Bahn begann, war die Stimmung noch anders. Seit 2013 ist sein Lebensmittelpunkt nun Nürnberg, hier qualifizierte er sich zum Zugchef weiter. Während seiner Jahre auf den Gleisen bemerkt Bitzer viele Veränderungen: „Neben dem wachsenden Stress hat der Respekt vor Uniform deutlich abgenommen. Heute ignorieren einen die Leute oder diskutieren, statt sich zu entschuldigen.“ Wenn etwa Gepäck im Weg steht und der Schaffner eingreift, merke man deutlich, dass der Respekt vor Regeln und Autorität fehle. „Nicht nur weigern sich die Leute einfach, immer häufiger üben die Kunden auch Druck auf uns aus, drohen mit Beschwerden und Reklamationen.“ Fast täglich sehen sich der Zugchef und sein Team so mit Aggression, Drohungen und auch Gewalt konfrontiert.

    Müde, genervt, aggressiv – die tägliche Routine

    Als Zugchef hat Dennis Bitzer die Verantwortung für die gesamten Abläufe im Zug. Das beginnt bei der Durchführung von Bremsproben, geht über das Reagieren auf Signale, das Management von möglichen Störungen oder Anschlusszügen und endet bei der Gästebetreuung, den Durchsagen oder auch Bestellungen für das Restaurant. Die Schichten sind lang, gehen oft über zehn Stunden hinaus. Dabei haben sich die Arbeitsintensität und der Anspruch in den letzten Jahren deutlich verändert: „Der Job ist stressiger geworden“, resümiert Bitzer. „Die Arbeitsverdichtung hat wahnsinnig zugenommen. Die Pausenzeiten bei einem Zugwechsel werden immer kürzer.“

    Den steigenden Stress, den die Bahnangestellten selbst in ihrem Arbeitsalltag spüren, nehmen sie auch an den Fahrgästen wahr. „Die Leute sind heute viel genervter als früher“, beschreibt der Zugchef seine Beobachtungen. „Gerade bei Pendlern spürt man eine wahnsinnige Unlust; sie sind müde oder gestresst.“ Das kann Bitzer durchaus verstehen, jedoch ist es für ihn und sein Team oft schwer, wenn die angespannte Stimmung jegliche Höflichkeit erstickt. Früher hätte man aus Rücksichtnahme das Gepäckstück nicht in den Weg gestellt. Heute hat laut Bitzer die Egogesellschaft den Gemeinschaftssinn verdrängt: Jeder glaubt sich im Recht, beansprucht die größtmögliche persönliche Entfaltung. Nur leider oft zu Lasten anderer. „Die Verantwortung für andere rückt mehr und mehr in den Hintergrund.“

    Kein Pauschalrezept gegen Aggression

    Bitzer darf als Zugchef im Bedarfsfall das Hausrecht anwenden. Oft geht es dabei gar nicht um so klare Fakten wie gültige Fahrkarten, sondern eher um gereizte Stimmung und Grauzonen wie gegenseitige Rücksichtnahme. Da greifen keine Regeln, nur gesunder Menschenverstand. „Wenn die Leute genervt oder gar aggressiv reagieren, ist das ärgerlich, aber noch kein Grund, jemandem die Fahrt zu verweigern. Aber solche Situationen können sich schnell hochschaukeln.“ Das hat Bitzers langjähriger Teampartner selbst erleben müssen: Bei einer Fahrscheinkontrolle sieht sich sein Zugschaffner plötzlich einem aggressiven Fahrgast ohne gültigen Fahrausweis gegenüber. Nichtsdestotrotz beschimpft dieser den Schaffner, droht Schläge an, wird ausfällig. Der Zugbegleiter bricht die Kontrolle ab. Bitzer stoppt den Zug am nächsten Bahnhof und wartet dort auf die verständigte Landespolizei. „Natürlich hatten wir Verspätung, bis alles erledigt war und die Kolleginnen und Kollegen der Polizei den Mann abgeführt hatten.“

    Er handelt aus dem Bauch raus. „Es gibt kein Pauschalrezept, man muss in jeder Situation entscheiden, was das Beste ist. Für den eigenen Schutz und für den Schutz der Gäste.“ Bitzer ist für die Fahrgäste in seinem Zug verantwortlich, er hat eine Fürsorgepflicht. Entsprechend muss er Entscheidungen zum Wohle aller treffen und kann nicht nur sich selbst schützen. Für solche Fälle plant die Bahn Deeskalationstrainings. „Aber diese werden bislang nur sehr vereinzelt angeboten.“

    Aggression darf nicht belohnt werden

    Der Zugchef sieht sich dabei in der Zwickmühle. Eigenschutz sollt an erster Stelle stehen, genauso wie es sein Teampartner getan hat. „Aber ich ertrage es andererseits auch nicht, dass Aggression immer häufiger belohnt wird, indem man sich zurückzieht und diese Leute einfach gewähren lässt. Damit lassen wir Unrecht ungestraft!“ Doch die Angst vieler Menschen, selber angegriffen oder verletzt zu werden, sei zu groß.

    Nicht ohne Grund, wie Bitzer und seine Kollegen selbst erlebt haben:  Auf dem Weg nach Aschaffenburg griff ein betrunkener Fahrgast einen anderen mit dem Messer an. Wie sich später herausstellte, bestand keine Verbindung zwischen Opfer und Täter. „Der hat wahllos zugestochen, das war für uns das traumatischste“, erzählt der Zugchef. „Es hätte jeden erwischen können.“ Glück für das Team: Im Zug waren Polizisten, die den Täter überwältigen konnten. Am nächsten Bahnhof wurde der Täter abgeführt und das Opfer verarztet. „Wenn die Polizei nicht im Zug gewesen wäre“, runzelt der Zugchef die Stirn, „Wer weiß...!“ Doch oft weiß sein Team gar nicht, ob Polizisten an Bord sind. „Es würde uns schon helfen, wenn sich die Kollegen bei uns melden würden. Dann wüssten wir, dass im Notfall Hilfe in der Nähe ist.“

    Bürokratie verhindert schnelles Reagieren

    Das größte Potenzial für mehr Schutz und Sicherheit sieht Bitzer aber in einem flexibleren Einsatz der Sicherheitskräfte. Denn mit der „DB Sicherheit“ stehen dem Bahn-Konzern deutschlandweit rund 4.000 ausgebildete Sicherheitskräfte zur Verfügung. Die Kollegen patrouillieren auf Bahnhöfen und in Zügen und erhöhen damit allein durch ihre Präsenz das Sicherheitsempfinden.

    Das Problem dabei: Die DB Sicherheit GmbH ist eine andere Firma als die DB Fernverkehr AG, für die Bitzers Züge fahren. Das heißt, die Kollegen müssen bestellt, eingeplant und bezahlt werden. „Das funktioniert aber nicht in Ad-hoc-Situationen“, so der Zugchef. Etwa wenn eine Gruppe aufgebrachter Fußballfans oder eine betrunkene Karnevalsgesellschaft zusteigt, die Stimmung im Zug gereizt ist und zu kippen droht. „Da möchte ich umgehend für den nächsten Bahnhof eine Streife der Sicherheit anfordern können, die spontan ein bis zwei Stationen mitfährt, um Präsenz zu zeigen und so die Situation zu beruhigen.“ Doch dafür gibt es leider keine Regelung. Die Zuggesellschaft muss bei der DB Sicherheit Personal einkaufen – für einen bestimmten Zeitraum auf einem bestimmten Zug. Spontan funktioniere das nicht. Die Kollegen sind nicht am gewünschten Bahnhof vor Ort, die Frage der Kostenübernahme steht sofort im Raum. Wenn fünf Sicherheitskräfte für den Hauptbahnhof Nürnberg gebucht sind, dürfen diese nicht einfach in einen Zug steigen, selbst wenn dort eine Situation zu eskalieren droht. Denn im Zug wären sie für einen anderen Auftraggeber im Einsatz.

    „Wir brauchen Ad-hoc-Sicherheit!“

    „Sicherheit darf es nicht ausschließlich auf Bestellung geben, denn Gefahrensituationen kann man nicht im Vorfeld planen“, warnt der Zugchef. Es scheitere an der Bürokratie. Der Apparat sei zu unflexibel. Denn auch die Bundespolizei komme nur, wenn Bitzer echte Verstöße vorweisen kann. Gereizte Stimmung im Abteil oder ein mulmiges Gefühl des Bahnpersonals reichen als Fakten nicht aus. Genau diese Lücke würden die Sicherheitskräfte schließen. Durch ihre pure Präsenz können sie kritische Situation beruhigen. Dafür wünscht sich Dennis Bitzer dringend Regelungen, eine Flexibilisierung der Prozesse. „Die spontane Umverteilung des Personals in kritischen Situationen muss möglich sein. Wir brauchen neue Prozesse für die bürokratische Abwicklung zwischen den Gesellschaften im Nachgang. An einigen Bahnhöfen müssten wir Personal aufstocken, um die Sicherheit präventiv vorzuhalten, damit die Kollegen ad-hoc in den Zug steigen können.“ Es brauche insgesamt mehr Mitarbeiter, die für alle Unternehmen einsetzbar sind. Ohne sich im Notfall erst über Kostenstellen streiten zu müssen. Mehr Flexibilität erfordert auch mehr Mittel, das ist Bitzer klar. „Sicherheit kostet Geld. Und Sicherheit ist immer dringlich. Da darf nicht lang diskutiert werden, wer fordert Hilfe an und wer wird bezahlen.“ Für Bitzer steht fest: Sicherheit darf kein bestelltes Gut sein.

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Andreas Liste, Vorsitzender des Personalrats, Jobcenter Halle (Saale)

    „Wir können unendlich viel tun, um Konflikte zu vermeiden.“

    Andreas Liste, Vorsitzender des Personalrats, Jobcenter Halle (Saale) 

    Jobcenter Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt. Wenn Andreas Liste hier jeden Tag seinen Dienst antritt, ruhen viele Hoffnungen auf ihm. Die Erwartungen von tausenden Arbeitssuchenden der Stadt und die Wünsche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jobcenter. Andreas Liste ist Vorsitzender des Personalrats und damit verantwortlich für die Arbeitsbedingungen von rund 500 Beschäftigten. Mit seinem 9-köpfigen Team setzt sich der Hallenser für mehr Personal und weniger Bürokratie ein, um den Arbeitsalltag seiner Leute reibungsloser zu gestalten und damit Konflikte zu vermeiden.

    Denn Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jobcenter, die hier die Arbeitssuchenden der Stadt Halle (Saale) betreuen. „Unsere Leute müssen sich Beleidigungen und Beschimpfungen in allen Facetten anhören“, so Liste. Meist entsteht die Wut, weil Bearbeitungen zu lange dauern, die Erwartungen der Antragsteller nicht erfüllt werden können oder sie nicht verstehen, warum ihnen eine Leistung gekürzt wird. „Da geht es schnell lautstark zu: Türen werden geschmissen, Dinge geworfen, bis hin zu tätlichen Angriffen. Bei uns ist es normal, dass sich die Mitarbeiter bedroht fühlen.“

    Starke psychische Belastung und hohes Engagement 

    Die Beschäftigten im Jobcenter Halle/(Saale)  – einer gemeinsamen Einrichtung der Kommune und der Agentur für Arbeit – sind extrem sozial engagiert, weiß der Personalrat. „Sie wollen den Menschen helfen, aber sie befinden sich permanent in einer Zwickmühle“, fasst der 53-Jährige die Situation zusammen. „Aufgrund des hohen Arbeitspensums und der dünnen Personaldecke kommen sie nicht nach.“ Die Menge an Aufgaben sei einfach zu viel, meist gehen die Bearbeitungen nicht schnell genug voran. Woraufhin die Leistungsberechtigten oft aggressiv reagieren. „Mit besserer finanzieller und personeller Ausstattung könnten unsere Leute die Fälle schneller bearbeiten. So würden Konflikte gar nicht erst aufkommen.“ Dafür kämpft Liste, unter anderem in der bundesweiten Arbeitsgruppe der Jobcenter Personalräte, die mit Gesprächen auf die Bundespolitik einwirkt.

    Weniger Bürokratie für schnellere Bearbeitung

    Bis der lange Weg für mehr Personal geebnet ist, sieht Liste einen ersten Lösungsansatz in weniger Bürokratie. Viele Prozesse könnten beschleunigt werden: „Wenn man erst einmal tiefer gräbt, findet man einiges an Papierkram, was sich vereinfachen ließe“, so der Personalratsvorsitzende. „Unser Antrags- und Berichtswesen ist kompliziert. In manchen Fällen muss jeder aus einer Bedarfsgemeinschaft einzeln berechnet werden. Da würde es schon helfen, wenn man die gesamte Bedarfsgemeinschaft zusammenfasst und damit zwei oder drei Vorgänge spart.“ Das sei nur ein Beispiel von vielen. „Einige Prozesse sind unnötig. Das müssen wir dringend prüfen und vereinfachen.“  

    Konflikte im Vorfeld vermeiden

    Die Jobcenter versuchen, Konflikte für ihre Angestellten zu vermeiden. „Viele Mitarbeiter haben Schulungen erhalten, wie sie mit kritischen Situationen umgehen können.“ Zum Glück wird Gewalttätigkeit in vielen Fällen dadurch reguliert, dass die meisten Jobcenter mittlerweile einen Wachschutz haben. Das löst das Problem zumindest für den Moment. Beitragen zu mehr Sicherheit können laut Liste auch bauliche Veränderungen. „Man muss sich Gedanken über die Ausgestaltung der Arbeitsplätze machen. Wie können wir den Zugang zu den Mitarbeitern erschweren und so deren Sicherheit erhöhen? Hier müssen einheitliche Standards umgesetzt werden.“ Das ginge aber nur mit einer Finanzierung über die Träger, denn auch hierfür sind Mittel notwendig.

    „Wir müssen unser Personal halten und entwickeln.“

    Diese Maßnahmen sind aber nur die Spitze des Eisbergs für Andreas Liste. Für ihn sitzt das Problem tiefer:  Die Jobcenter brauchen dauerhaftes Personal. „Ich will mit meinem Personal über die nächsten Jahre rechnen können und nicht alle acht Monate neue Leute einarbeiten.“ Durch häufig wechselnde Mitarbeiter gehe nicht nur Wissen verloren, auch für die Leistungsberechtigten erzeuge ein neuer Sachbearbeiter Unruhe. Das Vertrauen muss neu aufgebaut werden. Liste kämpft mit der Arbeitsgruppe der Jobcenter Personalräte daher primär für die Entfristung aller befristeten Arbeitsverträge. „Wir müssen erfahrenes Personal halten und so ermöglichen, dass sie ihre Aufgaben dauerhaft und in einem angemessenen Rahmen erfüllen können. Nur so können wir endlich eine qualifizierte Personalentwicklung in Jobcenter-Regie einführen. Die ist dringend nötig.“ 

    Sozialbetrieb ohne Experten

    Um das Personal in seinem Jobcenter bestmöglich zu unterstützen, hat Andreas Liste einen weiteren Herzenswunsch: „Wir brauchen eine psychologische Betreuung der Leistungsempfänger durch Fachleute“, fordert der Hallenser. Einige Jobcenter beschäftigen bereits Sozialarbeiter, doch das ist noch längst kein Standard. „Ich sehe Jobcenter als Sozialbetriebe. Unsere Mitarbeiter kümmern sich um Schicksale. Und wir müssen uns verstärkt Jenen widmen, die schwervermittelbar sind.“ Um diesen Menschen eine Perspektive zu eröffnen und sie zu qualifizieren, wünscht sich Liste neue Wege: Fachexperten seien in der Lage, die Langzeitarbeitslosen psychologisch zu begleiten und ihnen schrittweise zu helfen, sich für den Arbeitsmarkt zu öffnen. Doch dafür brauche es laut Liste erneut den politischen Willen, diese Fachexperten zu finanzieren.

    Das Problem an der Wurzel packen

    Hier sieht der Personalratsvorsitzende auch ein gesellschaftliches Grundproblem. „Wir müssen aufhören, erst zu reagieren, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Liste fordert vernünftige Bezahlung, einen höheren Mindestlohn und eine flächendeckende Tarifbindung. „Was nützt es uns, den Langzeitarbeitslosen mit einem 1-Euro-Job in den Arbeitsmarkt zu bringen, wenn er dann trotzdem Leistungen beziehen muss, um seine Familien zu ernähren?“ Diese sogenannten Aufstocker machen einen Großteil der Arbeit im Jobcenter aus. Schlechte Bezahlung dürfe nicht gesellschaftlich akzeptiert werden. „Was verdient ein Altenpfleger? Das spricht Bände über unsere Gesellschaft. Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt.“ Soziale Arbeit könne aber aus Listes Sicht nicht ausschließlich nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt werden. Jene, die SGBII beziehen und in den Arbeitsmarkt zurückgeführt werden müssen, und jene, die sie betreuen, haben dafür aber weder die erforderliche politische Lobby noch die nötige gesellschaftliche Anerkennung.

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Maike Neumann, Polizistin in Köln, Landesjugendvorsitzende NRW der GdP

    „Wir sind auch Menschen!“

    Maike Neumann, Polizistin in Köln, Landesjugendvorsitzende NRW der GdP

    Polizistin. Das war schon immer ihr Traumjob. Für Maike Neumann, 26 Jahre jung, gab es nie einen anderen Weg. Die waschechte Kölnerin absolvierte in ihrer Heimatstadt die Ausbildung und fährt nun in der Millionenstadt am Rhein im Wach- und Wechseldienst Streife. Damit gehört die ständige Umstellung zwischen Früh-, Spät- und Nachtschichten zu ihrem Berufsalltag. Genau wie Beleidigungen und Übergriffe. Neumann will für mehr Respekt in der Bevölkerung und ein besseres Ansehen des Berufsbildes kämpfen. Schon früh begann sie sich daher in der Gewerkschaft der Polizei (GdP) zu engagieren.

    Im Wach- und Wechseldienst ist kein Tag wie der andere. Täglich fahren Neumann und ihre Kolleginnen und Kollegen im Streifenwagen durch die Stadt, von Einsatz zu Einsatz. Ob Schlägerei, Körperverletzung, Raub, Taschendiebstahl oder Personenkontrollen: „Der Job ist unglaublich facettenreich“, sagt die Kölnerin. Sie lebt ihren Beruf mit Leib und Seele. Auch wenn Schattenseiten zum Alltag gehören. Schon oft ist Neumann Opfer von Widerständen geworden. „Bei uns ist alles dabei, von schönen Situationen, in denen man Menschen helfen kann, bis zu kritischen Momenten, die eskalieren können. Polizist zu sein, ist kein normaler Beruf, das ist eine Berufung. Den Job legt man nicht nach Feierabend ab.“

    Widerstände gehören dazu

    Silvester 2017/2018 wird Neumanns Streife von einem Krankenwagen gerufen. Die Sanitäter wollen einer betrunkenen Frau helfen. Doch die Situation eskaliert: die Frau greift die Rettungskräfte an, schlägt um sich, tritt. „Es war schon ein Streifenwagen vor Ort“, erinnert sich Maike Neumann. „Aber wir wurden zusätzlich angefordert.“ Als sie am Schauplatz eintrifft, halten ihre Kollegen die Frau bereits fest, um ihre Personalien aufzunehmen und weitere Übergriffe auf die Sanitäter zu verhindern. „Ich wollte bei der Fesselung helfen, die Frau war sehr betrunken.“ Plötzlich tritt diese nach hinten aus, trifft Neumann mit aller Wucht direkt in den Unterleib. „An dem Abend bin ich nicht mehr dienstfähig gewesen, auch noch einige Tage danach. Zum Glück sind keine Langzeitschäden zurückgeblieben.“

    Anspannung und Ablehnung

    Nach solchen und ähnlichen Erfahrungen geht sie kontrollierter an die Sache ran. „Wir sind definitiv nicht daran interessiert, uns auch körperlich zu wehren. Daher ist das wichtigste Kommunikation – erst einmal beruhigen. Aber oft hören die Leute nicht zu.“ Die Gewerkschafterin muss häufig feststellen, dass schon die Grundstimmung negativ ist. „Die Aggression gegen die Polizei ist hoch, uns schlägt generelle Ablehnung entgegen. Wenn wir auftauchen, werden wir oft erst einmal direkt beleidigt. Da ist es natürlich schwierig, eine Situationen durch Worte zu beruhigen.“ Hier spiele auch mit hinein, welches Bild die Medien von der Polizei zeichnen – der Respekt für Polizisten sinke insgesamt immer mehr, konstatiert die junge Kölnerin.

    Gut vorbereitet

    Umso wichtiger ist eine gute Vorbereitung auf Widerstand – mental und körperlich. In der Ausbildung durchlaufen die Polizisten alle Facetten des Jobs. Regelmäßige Trainings festigen Angriffs- und Verteidigungstechniken. „Wir sind so gut vorbereitet, dass wir meistens unbeschadet aus kritischen Situationen herauskommen.“ Auch an sicherer Ausrüstung wird gearbeitet, um die Polizisten besser zu schützen: In NRW läuft das Pilotprojekt Bodycam. Die kleine Kamera an der Ausrüstung kann bei Bedarf Bild und Ton aufzeichnen. Dann sieht sich das Gegenüber selbst im Display. In angespannten Situationen wirke dies deeskalierend. „Die Versuche zeigen, dass die Zahl der Angriffe zurückgegangen ist“, berichtet Maike Neumann. „Ich hoffe, die Bodycam wird flächendeckend eingeführt.“ 

    „Es ist nicht mein Job, mich beleidigen zu lassen!“

    Die Fähigkeit zur Deeskalation ist für die Polizistin essentiell. Denn endet eine Situation in körperlicher Auseinandersetzung, sieht die Kölnerin sich und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Politik und Justiz im Stich gelassen. „Einmal wurde meinem Kollegen und mir in den Oberschenkel gebissen, wir hatten diverse Prellungen“, erinnert sie sich an einen Übergriff. „Der Kampf dauerte gefühlt ewig. Doch vor Gericht sind wir nicht einmal angehört worden. Der Täter ist mit einer Geldbuße von 250 Euro davongekommen.“ Bei vielen Kolleginnen und Kollegen sei es noch unbefriedigender: Häufig werden die Verfahren eingestellt. Für die betroffenen Polizisten nicht nachvollziehbar. „Ich frage mich: Was muss denn noch passieren, dass die Täter Sanktionen erfahren?“ Auch Beleidigungen wünscht sie sich schärfer geahndet. „Beleidigung ist ein Straftatbestand. Was man sich manchmal anhören muss, entbehrt jeder Vorstellung. Aber vor Gericht heißt es, das ist euer Berufsrisiko.“ Maike Neumann kann nur den Kopf schütteln. „Es ist nicht mein Job, mich permanent beleidigen zu lassen!“ Ein Schritt in die richtige Richtung gehe die Justiz nun: Mit dem neuen Gesetz zur Stärkung des Schutzes von Vollzugsbeamten und Rettungskräften werden Widerstände gegen Beamte des Öffentlichen Dienstes schärfer geahndet. „Das ist endlich ein Zeichen von mehr Wertschätzung.“ 

    Polizisten sind keine Roboter 

    Maike Neumann will für mehr Respekt kämpfen. „Hinter jedem Polizisten, Feuerwehrmann oder Rettungssanitäter steckt ein ganz normaler Mensch. Wir sind keine Roboter oder Superhelden, auch wenn wir diesen Job gewählt haben.“ Sie kritisiert den Umgang der Medien mit den Ausschreitungen zum G20-Gipfel. „Die Polizisten haben zwischen 13-Stunden-Einsätzen zum Teil gerade mal zwei Stunden in Turnhallen oder Bahnhöfen geschlafen. Wenn man dann permanent angeschrien, mit Steinen beworfen und beleidigt wird, liegen auch bei uns die Nerven blank.“ Das Thema will die GdP mit der Kampagne „Auch Mensch“ stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Unter www.auchmensch.de machen Neumann und ihre Kolleginnen und Kollegen auf Opfer von Gewalt im Polizeidienst aufmerksam. Sie hofft, dadurch mehr Verständnis und Respekt schüren zu können.

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Anusch Huseynov, Krankenschwester an einem großen Universitätsklinikum in den neuen Bundesländern

    „Ich brauchte Hilfe, doch ich wusste nicht wohin.“

    Anusch Huseynov, Krankenschwester an einem großen Universitätsklinikum in den neuen Bundesländern

    Schichtwechsel in der Uniklinik – ein ganz normaler Abend im Jahr 2014. Anusch Huseynov bespricht mit der Spätdienstschwester und einer Praktikantin im Aufenthaltsraum die Übergabe für ihre Station. Seit fast 20 Jahren sorgt die damals knapp 40-jährige Krankenschwester hier in der Herz- Thoraxchirurgie für das Wohl der Patienten. Ob Waschen, Betten machen, Verbandswechsel oder Verabreichen von Medikamenten… es gibt immer etwas zu tun. Huseynov ist Krankenschwester mit Leib und Seele. Den PatientInnen soll es gut gehen auf „ihrer“ Station. Spät- oder Nachtdienste stören die resolute Frau nicht. Bis dieser verhängnisvolle Abend alles für sie verändert.

    Während der Schichtübergabe kommt ein Patient in den Aufenthaltsraum. Der Mann sagt etwas Seltsames: „Sie hatten wohl nicht gedacht, mich heute noch mal wiederzusehen.“ Huseynov wundert sich, doch Zeit zum Nachdenken bleibt ihr nicht. „Plötzlich sah ich an seiner Seite etwas Silbernes aufblitzen.“ Sie handelt instinktiv. Reißt ihre Kollegin vom Stuhl, stellt sich schützend vor sie. Der Mann geht auf sie los – wie sich später herausstellt, mit einer Schere. Er ist so fokussiert auf Anusch Huseynov, dass ihre Kolleginnen aus dem Raum fliehen können. Doch das weiß die Krankenschwester nicht mehr. „Ich hatte einen Blackout, habe nichts wahrgenommen. Ich dachte nur: Er ist ganz nah. Ich kann ihn atmen hören.“ Irgendwann kommt sie zu sich, blickt sich um. Und ist allein mit dem Mann im Zimmer. Er stürzt sich wieder auf sie. „Ich war noch nicht tot“, berichtet sie tonlos. Der Tumult mobilisiert zum Glück Helfer. Ein anderer Patient stürmt ins Zimmer, stellt sich schützend zwischen den Angreifer und die Schwester. Der Täter lässt von ihr ab.

    Erst Panik, dann Begreifen

    Huseynov steht unter Schock. „Ich habe nichts gefühlt. Ich wusste nicht, was mir passiert ist.“ Sie läuft aus dem Zimmer, will Hilfe holen, sucht ihre Kolleginnen. Andere Mitarbeiter eilen zu Hilfe. Der Angreifer kann überwältigt werden. Die Krankenschwester irrt über die Station, bis ein Kollege sie aufhält: „Setz dich, du blutest.“ Da erst realisiert sie, dass sie verletzt ist. Vier Stichverletzungen und einen tiefen Riss quer über den Bauch trägt sie davon. „Er hat versucht, mich aufzuschlitzen.“ Während ihre Wunden versorgt werden, passiert Unfassbares: Der Angreifer legt sich freiwillig in sein Bett und behauptet, nichts getan zu haben. Bis die Polizei am Tatort auftaucht, ist alles wieder ruhig. Im Nachhinein erklärt der Mann, er habe alles geplant. Zwei Tage wird er in der Psychiatrie behandelt, dann entlassen. Anklage wurde nie erhoben. 

    „Alles brach zusammen.“

    Für Anusch Huseynov ist das nur ein Rückschlag von vielen. Ihr Leben verändert sich nach dem Angriff drastisch, Stück für Stück fällt alles auseinander. „Ich brach zusammen, hatte nackte Angst, rauszugehen“, beschreibt sie das Gefühl. Zwei Wochen ist sie krankgeschrieben. „Doch ich wollte zurück zur Arbeit. Aber sobald es dunkel wurde, kam die Panik.“ Spät- und Nachtschichten schafft sie so nicht, wird wieder krankgeschrieben. Huseynov beginnt eine stationäre Traumatherapie. Ihre direkten Kollegen oder Vorgesetzten besuchen sie nicht im Krankenhaus. Sie muss sich verteidigen: Wann sie denn wieder zur Arbeit käme, sie wäre doch jetzt lange genug zu Hause gewesen.

    Es kommt noch schlimmer: Die Unfallkasse erkennt den Betriebsunfall nicht an. Ein Gutachter wird auf Anusch Huseynov angesetzt. „Der kam zu dem Schluss, die Traumatherapie wäre schon zu viel, die bräuchte ich nicht.“ Kranken- und Unfallkasse beginnen über die Kosten zu streiten. Huseynov muss zwei Monate ohne Gehalt auskommen. „Ich lieh mir Geld von Freunden, fühlte mich verloren.“ Sie weiß nicht, an wen sie sich wenden soll. „Ich hätte eine Anlaufstelle gebraucht, die sich mit derartigen Fällen auskennt, die die Opfer auffängt. Und die insbesondere schnell psychologische Hilfe vermitteln kann.“ 

    Langer Weg zur Hilfe

    Währenddessen erkennt die Führungseben der Uniklinik: sie muss handeln, damit sich der dramatische Angriff nicht wiederholen kann. Personalrat und Klinikvorstand gründen einen Präventionsrat, ein Wachdienst in der Zentralen Notaufnahme wird eingerichtet. Zusätzlich bildet die Klinik zwei Deeskalationstrainer aus, die die Teams der Zentralen Notaufnahme und der Akutpsychiatrie schulen. Hier lauern die größten Risiken für Aggression und Übergriffe.

    Doch diese Bemühungen gehen vorerst an Anusch Huseynov vorbei. Auf persönlicher Ebene erfährt sie kaum Hilfe. Huseynov will wieder arbeiten, doch sie braucht einen Job ohne Abend- oder Nachtschichten. Aber das scheint unmöglich, die Klinik hat keine geeigneten Stellen frei. Sie fühlt sich allein gelassen. Die Krankenschwester braucht lange, um sich zu überwinden und um Hilfe zu bitten. Viel zu spät wird der Personalrat der Klinik so auf das Problem aufmerksam. Durch sein Drängen gelingt es schließlich rund 1,5 Jahre nach dem Vorfall, Huseynov eine neue Stelle ohne Schichtarbeit zu verschaffen. Seit einiger Zeit arbeitet sie nun tagsüber in der Gastroenterologischen Ambulanz, der Magen-Darm-Abteilung.

    „Wir müssen aktiv auf die Betroffenen zugehen.“

    Personalrats-Vorsitzender Markus Schulze hat seine Lehren daraus gezogen: „Personal- und Betriebsräte aber auch die direkte Führungsebene haben ganz klare Verantwortung und müssen aktiv auf die Kollegen zugehen. Wir dürfen die Opfer nicht allein lassen, auch wenn gerade keine Lösung in Sicht ist.“ Seit dem Übergriff kämpft er für ein Interventionsteam: eine Anlaufstelle, wie sie Huseynov gebraucht hätte. „Wir müssen besser vorbereitet sein und endlich effektiv mit den Kranken- und Unfallkassen kooperieren, um mit solchen Vorfällen umgehen und dauerhafte psychologische Betreuung vermitteln zu können“, fordert der Personalrat. Doch sein Wunsch scheitert bis heute an Bürokratie und Abrechnungsproblemen.

    Anusch Huseynov kann nur hoffen, dass die Bemühungen irgendwann Wirkung zeigen, auch wenn es ihr nichts mehr nützt. Sie selbst versucht täglich aufs Neue und mithilfe der Therapie, ihr Trauma zu bewältigen. Menschenmengen verkraftet die Krankenschwester kaum. Geschlossene Räume und fremde Männer verstärken ihre Panik. Elternversammlungen an der Schule ihres Sohnes kann Huseynov nur wahrnehmen, wenn sie jeden Vater persönlich kennt. Kino und Theater sind seit 2014 für die einst so aufgeschlossene Frau tabu. Trotz allem hat sie ihre Berufswahl nie bereut. Der Job als Krankenschwester erfüllt sie und bietet das, was Anusch Huseynov sich am meisten von ihrer Arbeit wünscht: Anderen helfen zu können.

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Michel Teutsch, Kraftfahrer bei der Berliner Stadtreinigung

    „Wo ist Euer Respekt geblieben?“

    Michel Teutsch, Kraftfahrer bei der Berliner Stadtreinigung

    3.30 Uhr. Um diese Zeit klingelt der Wecker bei Michel Teutsch jeden Morgen, oder besser jede Nacht. Ein kleines Frühstück, eine Runde mit dem Hund. Dann geht es zum Betriebshof der Berliner Stadtreinigung (BSR). Der 48-jährige Berufskraftfahrer lenkt seit 30 Jahren Müllautos durch den Hauptstadtverkehr. Man könnte jetzt vermuten, dass schwere Mülltonnen das Anstrengendste an dem Job seien. Weit gefehlt. Der stressige Verkehr, respektlose Menschen und alltägliche Beleidigungen sind für Teutsch und sein Team der aufreibendste Teil an ihrer Arbeit.

    Noch zu DDR-Zeiten fing der Ur-Prenzelberger seine Ausbildung bei der „Müllabfuhr“ an. Damals war die Tour noch locker  innerhalb der Schichtzeit zu schaffen – heute ist das manchmal schon schwierig. Die Arbeitsleistung der Kolleginnen und Kollegen bei Müllabfuhr und Straßenreinigung  hat sich in den letzten fünfzehn Jahren laut BSR verdoppelt. „Auch die psychische Belastung ist gestiegen – durch den Verkehr“, weiß Teutsch. „Autofahren in Berlin bedeutet einfach Stress. Mehr Baustellen, engere und zugeparkte Straßen, breitere Autos.“ Hinzu kommt die physische Anstrengung durch das Schleppen schwerer Mülltonnen, auch wenn die Technik sich über die Jahre deutlich verbessert hat. Aber der Müll muss fünf Tage die Woche gefahren werden, egal ob bei Regen, Schnee, Glätte oder auch bei 35 Grad Hitze.

    Gemeinsam gegen Druck und Respektlosigkeit

    Unterwegs ist Michel Teutsch seit Jahren mit denselben zwei Kollegen. „Das ist bei uns wie in einer Ehe“, lächelt er. „Man liebt sich und man streitet sich.“ Ein Kraftfahrer und zwei Beifahrer fahren pro Tour, eins zu zwei nennt sich das im BSR-Jargon. Das kleine Team hält zusammen. Denn die Müllfahrer brauchen starke Nerven: „Früher hatten die Leute noch mehr Geduld. Heute sind die Menschen aggressiver.“ Täglich sehen sich die Kollegen so mit Beleidigungen konfrontiert. „Wenn wir die Straße versperren, brüllen uns die Fahrer hinter uns an – von Pöbeleien bis zu Drohungen ist alles dabei.“ Aber nicht nur der Straßenverkehr scheint Grund für Aggression zu sein. Generell fehle es einfach manchmal an Respekt. „Wenn ich gerade die volle Mülltonne aus dem Hinterhof zur Straße rolle und die Bewohner hinter mir die Tür zum Hof wieder verschließen – das ist eine Bagatelle, aber einfach respektlos. Ich muss  ja deren Mülltonne wieder in ihren Hof bringen.“ Gemeinsinn begegnet dem Kraftfahrer kaum noch in der Hektik und dem Stress der Großstadt.

    Von Messern und fliegenden Blumentöpfen

    Respektlosigkeit kann schnell in Gewalt umschlagen, das weiß Michel Teutsch. Routinemäßige Müllabholung an einem Imbiss vor einigen Jahren: die Tonne ist überfüllt, obenauf türmt sich ein Berg aus Extra-Mülltüten. „Vertragsmäßig holen wir nur ab, was bezahlt wird. Und das ist bis zu dem Punkt, wo der Deckel der Tonne noch zugeht“, erläutert der Berliner. „Also habe ich die Tüten herunter genommen.“ Zwei Männer erscheinen nacheinander am Schauplatz, fordern, dass er den extra Müll mitnimmt. „Der zweite Mann hielt ein Fleischmesser in der Hand“, erinnert sich Teutsch. Der Mann fuchtelt mit dem Messer, will Teutsch zwingen, die Tüten mitzunehmen. „Er schrie mich an: Ich stech dich ab! Aber das habe ich nicht ohne Widerworte ertragen, da bin ich auch laut geworden.“ Doch dann reißt er sich zusammen, zieht sich zurück. Den Müll lässt er stehen.

    Einmal, da hatte er keinen Schlüssel für ein Objekt. „Wir klingeln dann bei den Mietern, um an die Tonnen zu kommen. Plötzlich fliegt 20 Zentimeter neben meinem Kopf ein Blumentopf vom Himmel. Hätte ich einen Schritt weiter rechts gestanden, wäre ich jetzt nicht mehr hier.“ Teutsch verlässt das Grundstück sofort, meldet die Angelegenheit dem Betriebshof. „Bei solchen Vorfällen steht die BSR hinter uns, schickt da keinen unserer Leute mehr hin, bis der Fall geklärt ist und wir zum Beispiel einen Schlüssel haben.  Sonst ist das  zu gefährlich, hier geht es um unsere Sicherheit.“

    Provokationen versus glänzende Kinderaugen

    Solche Vorfälle sind für alle Kolleginnen und Kollegen der BSR Normalität. Jeder auf dem Betriebshof wurde schon einmal beleidigt. Insbesondere im Straßenverkehr. „Klar ist der Verkehr in Berlin für alle belastend. Aber trotzdem verstehe ich nicht, dass so gar kein Verständnis da ist. Wir holen die Behälter nun mal aus Hinterhöfen und Kellern. Das dauert eben.“ Manche Menschen scheinen es laut dem 48-Jährigen auch einfach provozieren zu wollen. „So ein Müllwagen ist groß und knallorange, der blinkt und piept. Aber die Leute fahren trotzdem in die Straße rein, obwohl sie sehen, dass wir sie gerade versperren. Und dann hupen und schreien sie. Als gäbe es nur die eine Straße in Berlin.“

    Eigentlich müssten sich die Menschen freuen, sinniert Michel Teutsch. „Wir holen ja deren Müll, nicht unseren. Stell Dir mal vor, keiner holt den Müll.“ Freuen, so wie die Kinder etwa. Wenn die BSR an Kitas vorbeikommt, werden sie schon sehnsüchtig winkend am Straßenrand erwartet. Für die Kleinen sind die Männer und Frauen in Orange ganz groß. „Das sind schöne Momente“, wünscht sich der Berliner mehr davon.

    Ruhig bleiben, umdrehen und gehen

    Erfolgsmomente erleben die BSR-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in der Fort- und Weiterbildung: In Deeskalationstrainings und Rollenspielen üben sie, wie sie in kritischen Situationen ruhig reagieren können. „Das ist wichtig, denn wenn man den ganzen Tag draußen ist und vom zehnten Autofahrer oder Passanten beleidigt und beschimpft wird, reißt halt auch mal der Geduldsfaden“, so Teutsch. Er ist Mitinitiator und Betreuer des „Boxenstopp“: Hier tauschen langjährige mit neuen Kolleginnen und Kollegen Know-how und Erfahrungen aus – auch  zur Deeskalation. Denn Aufregen bringt nichts, weiß der 48-Jährige. Sonst gefährdet man sich selber. Sein Credo: Nicht darauf einlassen. „Ich war früher auch aufbrausend. Man denke nur an die Geschichte mit dem Messer. Aber ich bin ruhiger geworden, lockerer.“ Seine Erfahrungen gibt er gern an seine Kolleginnen und Kollegen weiter. „Wenn wir rücksichtsvoll miteinander und mit der Bevölkerung umgehen, vielleicht können wir so wieder für ein bisschen mehr Respekt sorgen“, hofft Michel Teutsch.

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Martin Senger, Gesundheits- und Krankenpfleger in einer Rettungsstelle in Berlin

    „Wir sind Menschen zweiter Klasse.“

    Martin Senger*, Gesundheits- und Krankenpfleger in einer Rettungsstelle in Berlin

    Seit 2010 leidet Martin Senger unter Schmerzen, Belastungseinschränkungen und Infekten. Und unter Angstzuständen. Der Grund sind zwei Messerstiche, einer davon in die Lunge. Der Angriff während seiner Schicht als Gesundheits- und Krankenpfleger in einem Klinikum in Berlin veränderte das Leben des mittlerweile 60-Jährigen. Senger kämpft seitdem um Gerechtigkeit. Denn die psychischen Folgen, mit denen der Berliner seit dem Übergriff ringt, werden noch immer nicht von seiner Berufsgenossenschaft anerkannt.

    Senger ist seit 1997 in der Rettungsstelle mitten im Kreuzberger Kiez tätig. Im Jahr 2000 erlebte er die erste körperliche Erfahrung mit Gewalt – für ihn mit bleibenden gesundheitlichen Schäden verbunden. „Ein Kollege wurde von einem Patienten mit einem Messer angegriffen und verletzt. Ich hörte nur seine Schreie und eilte ihm zu Hilfe“, erinnert sich der Pfleger. Der Angreifer war körperlich überlegen und im psychiatrischen Ausnahmezustand. Senger gelang es, den Patienten niederzuringen. „Dabei verletzte ich mein Knie massiv. Ich musste operiert werden, behielt aber einen Meniskusschaden zurück, der wegen imaginärer Vorschäden von der Berufsgenossenschaft nicht anerkannt wurde.“ Dass Sengers Kollege den Angriff überlebte, war wohl nicht zuletzt dem beherzten Eingreifen des Berliners zu verdanken. 

    „Waffen sind leider an der Tagesordnung“

    „Gewalt gegen Pflegende habe ich schon immer erlebt“, so Senger. Aber zwei Dinge hätten sich über die Jahre verändert: Personalschlüssel und Gewaltpotenzial. „Als ich damals anfing, waren wir 64 Leute in der Pflege. Jetzt sind wir nicht einmal mehr die Hälfte – bei gleichbleibender Patientenanzahl.“ So können die geplanten Schichten in den seltensten Fällen eingehalten werden. Seine Familie wisse nie genau, wann er nach Hause komme. Auch das Aggressionspotenzial sei gestiegen: „Wenn ich einen Patienten ausziehe, fällt schon mal ein Messer, ein Totschläger oder auch eine Pistole aus der Tasche. Das ist mittlerweile leider Standard.“

    Messerstich mit schweren Folgen

    2010 kommt es zum zweiten großen Zwischenfall. In jener Nacht eskaliert der Berliner Verkehr unter Blitzeis, in der Rettungsstelle drängen sich Menschen mit Knochenbrüchen. Doch einem leicht betrunkenen Mann scheint die Wartezeit trotz der Ausnahmesituation offensichtlich zu lang, er beginnt zu randalieren, wirft mit Gegenständen um sich. Senger teilt dem Mann mit, wenn er das nicht lasse, müsse er die Polizei rufen. „Da schlug er nach mir. Ich wollte ausweichen, doch er ging erneut auf mich los. Ich drückte ihn auf eine Trage und da spürte ich auch schon die Messerstiche.“ Ein Stich geht in Sengers Oberarm, der andere in die Lunge. Drei Tage liegt der Berliner auf der Intensivstation. Der Stich in die Lunge heilt nicht folgenlos aus. „Seitdem nehme ich täglich Schmerzmedikamente, leide unter Belastungseinschränkungen und ständigen Infektionen.“

    Kampf gegen Windmühlen

    Doch diese Folgen werden erst 2018 anerkannt – nachdem Senger vor Gericht zieht und das Landessozialgericht zu seinen Gunsten entscheidet. „Die Berufsgenossenschaften behaupten immer erst einmal, der Schaden war schon vorher da. Die Kostenübernahme wird standardmäßig abgelehnt“, runzelt der Pfleger wütend die Stirn. „Du stehst alleine da, denn wer kann sich schon eine Behandlung aus eigener Tasche leisten oder verfügt über die Mittel, um vor Gericht zu gehen?“ Sein Arbeitgeber hält sich heraus. Das Klinikum gab ihm zwar das Wort, ihn bis zur ersten Instanz bei den Anwaltskosten zu unterstützen; als Senger dann aber tatsächlich gegen die Unfallkasse vor Gericht geht, kann sich niemand mehr an das Versprechen erinnern.

    Nie endende Hilflosigkeit

    Die psychischen Folgen des Angriffs verfolgen Senger noch immer. Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Immer wieder kommt die Angst, wenn aggressive oder gewalttätige Patienten die Rettungsstelle betreten. Das löst alles neu in mir aus.“ Aber auch diese Krankheit will die Unfallkasse Berlin nicht anerkennen. Was es extrem schwierig mache, eine adäquate Behandlung zu erhalten. Senger geht wieder vor Gericht, kämpft noch immer gegen die Berufsgenossenschaft. Doch die Sozialgerichte sind völlig überlastet. Sein Anwalt rechnet damit, dass sich das Verfahren mindestens drei Jahre hinziehe. „Und mit jedem Schreiben von Anwalt oder Gericht wird der Angriff in meinem Kopf wieder neu aufgerollt.“ 

    „Das ist ein Phänomen in der Krankenpflege – wir sind Menschen zweiter Klasse.“

    Der Berliner wünscht sich mehr Anerkennung für seinen Berufsstand und insbesondere Unterstützung für Betroffene: „Eine übergeordnete Stelle, die sich mit Gewalt gegen Pflegende beschäftigt, könnte den Kolleginnen und Kollegen schneller helfen.“ Bei vielen Beschäftigten hänge die wirtschaftliche Existenz von einer adäquaten und schnellen Behandlung ab. „Wenn die Genossenschaft nicht übernimmt, können die Pflegenden ihren Beruf nicht mehr ausüben oder müssen den Job wechseln und mit finanziellen Einbußen leben.“ Von der Politik fordert Senger, dass endlich der Notstand beim Pflege- und medizinischen Personal behoben wird. „Wir sind am Limit. Die Beschäftigten müssen endlich gut und sicher arbeiten und zufrieden nach Hause gehen können.“ Auch die Bevölkerung müsse anerkennen, dass die Pflegerinnen und Pfleger den Menschen helfen und keine Zielscheibe für ihre Aggressionen sind. Der Berliner erhofft sich nichts mehr, als dass für alle Betroffenen die eigentlichen Schäden durch die erfahrene Gewalt anerkannt würden. „Ich erlebe, dass wir – die Pflegerinnen und Pfleger – Menschen zweiter Klasse sind. Für Öffentlichkeit, für Politik und auch für Arbeitgeber und Genossenschaften. Das muss sich endlich ändern!“

     * Name auf Wunsch von der Redaktion geändert 

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Daniel Kling, Lehrer an einer Mittelschule in Brandenburg

    „Wir müssen die Emotionen der Kinder ernst nehmen.“

    Daniel Kling*, Lehrer an einer Mittelschule in Brandenburg

    Gewalt an der Schule? Das kennt Daniel Kling*, Lehrer für Sport, Geschichte und Politik, eigentlich nicht. Seit einigen Jahren unterrichtet der 32-Jährige an einer Gesamtschule im Berliner Umland. Hier herrscht ein respektvoller, freundlicher Umgang. Die Schule tut viel dafür: Sozialarbeit, Streitschlichtung und soziales Kompetenztraining. Seine Schule hat er sich bewusst ausgesucht, denn sie zieht durch ihre Philosophie Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, mit oder ohne Beeinträchtigung und mit den unterschiedlichsten Nationalitäten oder Religionen an. „Ich bin ein großer Fan von Inklusion“, betont Daniel Kling. „Und an unserer Schule wird das täglich gelebt.“

    Bei schulischen oder privaten Problemen finden die SchülerInnen von Klings Schule Unterstützung bei Sozialarbeitern; auch Eltern nehmen das Beratungsangebot in Sachen Erziehung oder anderen Fragen wahr. Eine spezielle Präventionsgruppe hat sich an der Schule etabliert: „Soziales Kompetenztraining“. Hier helfen externe ExpertInnen, Streit zu vermeiden und Konflikte zu bereinigen bevor sie eskalieren. Verschiedene Angebote helfen, den Klassenzusammenhalt zu stärken oder etwa über Mobbing aufzuklären. „Die Themen haben nicht zwingend mit Gewalt zu tun“, erzählt der Lehrer. „Es geht um soziale Probleme, Interaktion zwischen SchülerInnen untereinander oder zwischen SchülerInnen und LehrerInnen.“ Die Gruppe zeigt Wirkung. Eventuelle Vorfälle können im Nachgang mit den Betroffenen in einem neutralen Raum reflektiert, mögliches Streitpotenzial kann schon an der Wurzel minimiert werden. Auch in seiner Klasse thematisiert der Lehrer wöchentlich in der so genannten Reflexionsstunde mögliche Ängste der Kinder und Jugendlichen oder Probleme untereinander.

    Blind vor Begeisterung

    Doch trotz aller Präventionsmaßnahmen kann manche Situation eskalieren. Kling hat es am eigenen Leib erfahren. In einer seiner Sportstunden lassen sich zwei 13-jährige Brüder von ihrer Fußballleidenschaft mitreißen: Nach einem Ballverlust treten sie einen anderen Schüler. „Beide sind seit über einem Jahr in meinem Sportkurs und sportlich sehr begabt“, so der junge Lehrer. „Sie brennen für das Ballspielen, nichts geht ihnen über Fußball. Da vergessen sie sich manchmal vor lauter Aufregung und Begeisterung.“ Kling spricht nach der Stunde mit den beiden, der Vorfall wird auch in der Klassenreflexion thematisiert. Die Schüler verstehen, dass sie falsch gehandelt haben. Als Konsequenz dürfen sie in der nächsten Sportstunde nicht am Fußballspiel teilnehmen, schauen von der Bank aus zu. Vor der Stunde erklärt ihnen der Lehrer die „Strafe“ nochmals. 

    „Es ging nicht um mich, es ging um die Sache.“

    Doch offenbar siegen die Leidenschaft für den Fußball und der Wettkampfgeist der beiden Heranwachsenden über ihr Verständnis. Nach wenigen Minuten des Spiels stürmt einer der Jungen auf den Platz, will mitspielen, tritt in seiner Wut auf Daniel Kling ein. „Er hat versucht, mich zu Boden zu werfen“, erinnert sich der Lehrer. „Als wir auf dem Boden rollten und ich versuchte, ihn in Zaum zu halten, kam sein Bruder hinzu. Ich glaube, er wollte eher seinen Bruder verteidigen, statt mich anzugreifen.“ Generell sieht Kling den Angriff wenig persönlich. „Die Jungs waren so auf die Sache, auf das Fußballspiel, fixiert. Die Enttäuschung, nicht mitspielen zu dürfen, hat sie übermannt.“ Nach kurzer gewaltsamer Auseinandersetzung können die beiden Brüder beruhigt werden. Kling fährt mit dem Unterricht fort. Die Jungen müssen wieder auf die Bank. „Doch nach ein paar Minuten sprangen sie wieder auf, fingen an, die mobilen Fußballtore umzuwerfen, wollten erneut auf mich losgehen.“ Kling ruft nun doch die Polizei. Er kann die Jungen einigermaßen beruhigen, die Lage ist entschärft. Die Polizei nimmt den Vorfall auf, es wird Anzeige erstattet.

    Auswerten und Auffangen

    „Die ersten Sportstunden nach dem Vorfall waren schon etwas gewöhnungsbedürftig“, erinnert sich Kling. „Aber das hat sich schnell gelegt. Durch Gespräche konnten wir wieder einen normalen Umgang zueinander entwickeln.“ In der Gruppe „Soziales Kompetenztraining“ wird der Vorfall besprochen. Externe SozialarbeiterInnen reden mit den Brüdern. „Die Jungen haben sich ungerecht behandelt gefühlt. Aber sie haben im Endeffekt verstanden, dass ihr Verhalten falsch war. Ich bin ihr Lieblingslehrer, Sport ist ihr Lieblingsfach. Der Angriff hat nicht mir gegolten, sondern der Sache.“ Die Schüler gehen weiter in Klings Sportunterricht, ohne weitere Probleme. Auch mit dem Rest der Klasse spricht Daniel Kling. In der Reflexionsstunde äußern manche SchülerInnen Angst. „Das hat sich mit der Zeit und den Gesprächen aber gelegt. Wichtig war, dass wir den Vorfall in der Klasse besprochen haben.“ Auch Kling selbst bekommt Unterstützung von Seiten der Schule. „Unsere Schule ist gut aufgestellt was psychologische Maßnahmen betrifft. Ich wurde sehr gut aufgefangen.“

    „Prävention ist das A und O!“

    Zum Glück war und ist dieser Vorfall ein Extrembeispiel. „Bis zu diesem Angriff und auch seither ist noch nie etwas derartiges in diesem Ausmaß passiert“, so der Lehrer. Und so soll es auch bleiben. Daniel Kling und seine KollegInnen setzen alles daran, präventiv zu handeln, zu deeskalieren, Stimmungen aufzufangen und Streitpotenzial zu entkräften. „Es war absolut richtig, dass wir den Vorfall entzerrt haben – denn die auslösende Aktion ist ja in der Sportstunde vorab passiert. In solchen Fällen halte ich nichts davon, unmittelbar einzugreifen, sondern spreche im Nachgang mit den SchülerInnen, wenn sich die Gemüter beruhigt haben.“ Allerdings würde Kling heute noch einen Schritt weitergehen, ein Gespräch komplett losgelöst vom Kontext Sport auf neutralem Boden führen. „Wenn manches von so großer Bedeutung für die SchülerInnen ist, wie in diesem Falle das Fußballspielen für die beiden Jungen, dann können aus diesen starken Emotionen schon einmal Aggressionen werden, wenn nicht alles nach ihrem Plan läuft. Dieses Gewaltpotenzial muss man erkennen und den SchülerInnen helfen, aus dieser emotionalen Situation rauszukommen und die Anspannung, Wut oder den Frust verrauchen zu lassen.“

    * Name von der Redaktion auf Wunsch geändert

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Manfred Thelens, Kraftfahrer bei der Abfallwirtschaft in Aachen / Personalrat Aachener Stadtbetrieb

    „Wir sind bald mit unserem Latein am Ende.“

    Manfred Thelens, Kraftfahrer bei der Abfallwirtschaft in Aachen / Personalrat Aachener Stadtbetrieb

    Manfred Thelens packt an. Wenn er täglich seinen LKW von Mülltonne zu Mülltonne durch die Straßen von Aachen lenkt. Wenn er sich als Teamleiter um die Erledigung der Arbeitsaufträge kümmert. Wenn er samstags freiwillig auf dem  Recyclinghof seiner Stadt hilft. Und wenn er im Personalrat des Stadtbetriebs und im Gesamtpersonalrat der Stadt Aachen für seine Kolleginnen und Kollegen kämpft. Der 53jährige ist ein Urgestein in seinem Job: Seit seiner Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker vor mehr als 30 Jahren ist der Nordrhein-Westfale für die Abfallwirtschaft der Stadt Aachen im Einsatz; seit acht Jahren engagiert sich Thelens im Personalrat. Denn er will gute Arbeitsbedingungen schaffen, die Mitarbeiter vor Risiken schützen. Doch das wird für ihn und seine Kollegen zunehmend schwerer.

    „Auf unseren täglichen Touren merkt man, dass die Aggressionen insgesamt in den vergangenen Jahren gestiegen sind“, berichtet der gebürtige Aachener. „Die Leute sind genervter, gestresster und unzufriedener. Gerade im Verkehr reagieren die Leute sehr aggressiv, wenn sie hinter einem Müllauto warten müssen. Böse Worte fallen viel schneller als früher. Uns wird wegen Kleinigkeiten gedroht, Beschwerde beim Arbeitgeber einzulegen.“ Und das sind laut Thelens noch die harmlosen Vorfälle.

    Psychokrieg um den Abfall

    Seine Einsätze auf dem Recyclinghof lassen den Personalrat mittlerweile fast vom Glauben abfallen. „Das Verhalten mancher Kunden dort ist äußerst extrem. Die Leute reagieren nicht nur unzufrieden sondern auch verständnis- und respektlos, wenn sie bestimmte Sachen nicht bei uns entsorgen können.“ Doch es gibt klare Regeln, welchen und wie viel Abfall die Bürger auf den Recyclinghöfen abliefern dürfen. Die Mitarbeiter der Abfallwirtschaft setzen diese Vorschriften nur um. Und ziehen damit den direkten Unmut vieler Kunden auf sich. „Einige Male mussten Kollegen bereits die Polizei rufen“, erinnert sich Thelens. „Ein Bürger hat einmal eine Kollegin mit einer Holzlatte attackiert. Ich selbst wurde auch schon gewarnt, man würde auf mich warten, wenn ich ohne Uniform vom Hof käme, das ist unterste Schublade.“

    „Uns gehen die Ideen zum Schutz unserer Mitarbeiter aus!“

    Der Personalrat und die Geschäftsführung des Stadtbetriebs sind in ständigem Austausch, wie die Probleme gelöst und die Mitarbeiter geschützt werden können. Mittlerweile wurde ein privater Sicherheitsdienst engagiert, um die Situation auf dem Recyclinghof in den Griff zu bekommen und den Verkehr zu regeln. „Wir haben zudem einen Gewaltpräventionstrainer über die Stadt engagiert, der die Mitarbeiter schult.“ Denn für die Kollegen sei es oft sehr schwer, bei solchen Beschimpfungen ruhig zu bleiben. Deeskalation müsse geübt werden. „Zwei wirklich freundliche und ruhige Kolleginnen sind auf dem Hof als Vorarbeiterinnen eingesetzt worden, um den Druck von Anfang an etwas herauszunehmen und genervte Kunden zu beruhigen.“ Aber selbst die Damen werden verbal angegriffen. Der Personalrat überlegt jetzt, ob es Sinn macht, das Ordnungsamt stärker einzubeziehen. „Wir sind bald mit unserem Latein am Ende. Es ist schwer, die Mitarbeiter zu schützen!“

    Ständiger Druck macht krank

    Manfred Thelens ist sichtlich frustriert: „Selbst in Verwaltungsgebäuden wurde ein Sicherheitsdienst installiert. Von anderen Kommunen hören wir, dass Gegenstände, die früher auf den Schreibtischen standen, heute festgeschraubt werden, damit sie nicht nach den Mitarbeitern geworfen werden können. So weit sind wir gekommen!“ Der Kraftfahrer spricht nicht nur von den Erfahrungen seiner direkten Kollegen der Abfallwirtschaft. Als Gesamtpersonalrat der Stadt Aachen hört er von vielen Fällen, quer durch die Stadt: Ob in Kindergärten und Schulen, bei der Feuerwehr oder am Theater – es gebe kaum einen öffentlichen Bereich, der von Beleidigungen und Gewalt verschont bliebe. „Wo viel Publikumsverkehr ist, steigt das Aggressionspotenzial. Auch in unserem Callcenter bekommen wir das zu spüren. Die Kollegen dort müssen sich sehr viele schlimme Dinge anhören.“

    Das geht auch irgendwann an die Psyche, weiß Thelens. „Wir bemerken eine Entwicklung: der ständige Druck von außen macht die Mitarbeiter krank. Unsere Kolleginnen und Kollegen versuchen ihr Bestes zu geben, damit die Kunden zufrieden sind. Wenn aber andere ihre Aggression an ihnen auslassen und sie Angst vor Eskalation haben müssen, dann wird der Gang auf Arbeit zur Belastung, egal wie gern sie ihren Job eigentlich machen. Das macht uns als Menschen auch kaputt.“

    Letzte Stellschraube: Härtere Justiz

    Was verschärfend hinzukomme: Kaum Konsequenzen für Fehlverhalten. Thelens Geschäftsführung bringt verbale oder physische Gewalt gegen die Mitarbeiter des Stadtbetriebs immer wieder zur Anzeige. Doch die Verfahren verlaufen viel zu oft im Sande, werden eingestellt. „Das demotiviert die Mitarbeiter extrem“, weiß der Aachener. „Wir arbeiten alle im Sinne der Bürger, für die Bürger. Und wenn man dann geschlagen, angepöbelt oder bespuckt wird, da verliert man doch den Glauben an den Job.“ Die Politik müsse ihre Leute besser schützen, hinter ihnen stehen. „Ich würde mir wünschen, dass man härter durchgreift. Das ist einer der wenigen Schrauben, wo man noch ansetzen könnte“, überlegt der Personalrat. „Wenn wir solche Vorfälle strenger ahnden, würden die Leute vielleicht endlich abgeschreckt werden und aufwachen.“

    Text und Redaktion: Ines Hammer

  • Sandro Hänel, Zugbegleiter bei der DB Regio in Leipzig

    „Manches musst du einfach weglächeln!“

    Sandro Hänel, Zugbegleiter bei der DB Regio in Leipzig

    Sandro Hänel lebt seinen Traumjob. Seit 2017 absolviert der junge Mann die Ausbildung zum Kaufmann für Verkehrsservice bei der DB Regio. Dafür zog der gebürtige Thüringer extra nach Leipzig. Von hier begleitet er nun täglich die Fahrten von S-Bahnen und Regionalzügen zwischen Leipzig und Umgebung, kontrolliert Fahrkarten, gibt Fahrplanauskünfte und hilft den Gästen bei Fragen. „Ich liebe den Kontakt zu Menschen, fahre schon immer gern Zug“, erzählt der 20-Jährige strahlend. „Darum habe ich mich für diese Ausbildung beworben und bin glücklicherweise direkt genommen worden.“ Sein Beruf macht ihm sichtlich Spaß, er genießt den täglichen Austausch mit seinen Fahrgästen.

    Seine Frohnatur lässt sich Sandro Hänel auch durch schwierige Fahrgäste nicht streitig machen. Denn mit verbalen Beleidigungen wird er während des Jobs sehr häufig konfrontiert. „Wenn Fahrgäste kein gültiges Ticket haben und ich dann eine Strafe schreiben muss, wird es manchmal ungemütlich. Oft muss ich mir grobe Beschimpfungen anhören“, so der Auszubildende. „Selbst ein netter älterer Herr, der wirklich ganz seriös wirkte, wurde letztens extrem aggressiv und beschimpfte mich aufs Übelste. Da ist man dann erst einmal perplex.“ Doch gegen Beleidigungen und Beschimpfungen hat Sandro Hänel seine ganz eigene Strategie: „Das muss man ignorieren und weglächeln, dann schaukeln sich die Aggressionen der Leute meist nicht weiter hoch. Ich bin ein sehr fröhlicher Mensch, daher gelingt es mir, dann immer noch ruhig zu bleiben.“

    Betrunkene und Fußballfans – der Alptraum eines Zugbegleiters

    Richtig schwierig wird es vor allem mit Betrunkenen und feiernden Gruppen. Da ist der Ärger oft schon vorprogrammiert. Die Fahrten am Abend oder an Wochenenden sind daher oft mit brenzligen Situationen verbunden. „Fußballgruppen im Zug? Hilfe“, stöhnt der Zugbegleiter halb im Scherz, halb ernst. „Da bekommt man schon Angst, denn du stehst dem grölenden Haufen alleine gegenüber. Aber man muss ein Machtwort sprechen – auch mit Blick auf die anderen Fahrgäste, denn für die habe ich ja die Verantwortung.“ Stimmung und Lautstärke schaukeln sich bei Gruppen oft schnell hoch. Dann kann Sandro Hänel nur den anderen Fahrgästen ein anderes Abteil anbieten und zumindest so die Situation etwas entschärfen. Dieses Vorgehen lernen die Auszubildenden seiner Meinung nach jedoch nicht ausreichend. „Wir bekommen zwar ein Deeskalationstraining während der Ausbildung. Aber das hat nichts mit der Realität zu tun. Wenn es im echten Berufsalltag mal brenzlig wird – darauf bereitet das Training nicht vor. Das bringt dann die Erfahrung.“

     „Sicherheit da vorhalten, wo sie nötig ist.“

    Gerade vor diesem regelmäßigen Ärger findet Sandro Hänel die Einsatzverteilung der Kollegen von DB Sicherheit verbesserungswürdig. Diese Sicherheitskräfte fahren bundesweit in Zügen mit, um deeskalierend zu wirken und im Notfall einzugreifen. „Aber sie sind auf Strecken präsent, wo eigentlich kaum etwas passiert“, sinniert der Wahlleipziger. „Ich würde mir wünschen, dass deren Einsätze überdacht werden: Wir brauchen die Sicherheitskollegen auf Nachtfahrten, an den Wochenenden und auf Strecken, wo es häufig Zwischenfälle gibt und eskaliert. Also eigentlich immer Samstagnachts auf den Regionallinien.“ Da er selbst weiß, wie schwierig diese Personalfragen oft sind, fände Sandro Hänel einen Selbstverteidigungskurs für Zugbegleiter sinnvoll. „Damit würde ich mich in bestimmten Situationen sicherer und besser gewappnet fühlen.“

    Zivilcourage gibt es noch

    Dass ihm sein Lächeln im Gesicht gefriert, ist zum Glück bislang die Ausnahme für Sandro Hänel. „Wenn die Fahrgäste ihre Personalien nicht herausgeben wollen, handgreiflich werden oder anfangen zu randalieren, dann muss ich bzw. der Lokführer aber die Bundespolizei rufen", erklärt der Zugbegleiter. Doch auch in solchen Situationen versucht der Leipziger, die positiven Dinge zu sehen, die ihm begegnen. Die anderen Fahrgäste im Zug, mit denen er in Kontakt kommt und für die er die Verantwortung hat. Und die Menschen, die einspringen und helfen, wenn eine Situation eskaliert. Der Auszubildende hat schon oft erlebt, dass Fahrgäste ihm zu Hilfe kommen. Einmal will Sandro Hänel zusammen mit seinem Fahrbegleiter einem betrunkenen und randalierenden Fahrgast den Zutritt zum Zug verwehren. „Der war extrem aggressiv, hat gegen die Tür getreten und drängte schließlich in den Zug“, erinnert sich der junge Mann. Der Fahrgast will den Zugbegleiter schlagen, doch Sandro Hänel kann gerade noch ausweichen. Schnell kommen einige Fahrgäste zu Hilfe, so dass sie den Betrunkenen gemeinsam aus dem Zug drängen können. „Es kommt natürlich auf die Konstellation an, aber aus meiner Erfahrung helfen 80 Prozent der Menschen!“ Und darum freut sich der Zugbegleiter, wenn er im Sommer 2020 seine Lehre abschließen und dann auf den Gleisen rund um Leipzig seinem Traumjob leben wird.

    Text und Redaktion: Ines Hammer


Nach oben