
© Danny Prusseit / DGB
Ob in Bürgerämtern, Jobcentern oder Notaufnahmen: Wer im Dienst der Gesellschaft arbeitet, wird oft mit Respektlosigkeit und Gewalt konfrontiert. Die DGB-Initiative »Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch« stemmt sich dagegen. Ein Gespräch mit Henriette Schwarz über Gewalt, die Initiative und konkrete Hilfsangebote.
Fragen von Mirko Stepan in »Der Personalrat« 7/2025
Wie schlimm ist die Lage?
Beleidigt, bedroht oder angegangen zu werden ist für viele Beschäftigte im Dienst unserer Gesellschaft mittlerweile zum Alltag geworden. Zugpersonal wird bei Fahrkartenkontrollen geschlagen und getreten. Mitarbeitende des Ordnungsamts werden angefahren, während sie einen Verstoß aufnehmen. Man muss heutzutage nicht lange suchen, um in den Medien auf solche Fälle zu stoßen. Wir beobachten seit einigen Jahren eine gesellschaftliche Veränderung im Umgang miteinander, die sich auch unmittelbar auf die Beschäftigten auswirkt.
Gibt es denn konkrete Zahlen zu Vorfällen mit Gewalthintergrund?
Laut Polizeilicher Kriminalstatistik erreichte die Zahl der Gewalttaten gegen Beamt*innen der Polizei 2023 mit 46.218 Vorfällen erneut einen Höchststand, wie mittlerweile in jedem Jahr. Übergriffe auf DB-Mitarbeiter*innen haben 2024 um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 3.300 Vorfälle zugenommen. Und auch viele andere Beschäftigte fühlen sich im Berufsalltag nicht mehr sicher, zum Beispiel Rettungskräfte der Feuerwehr, Beschäftigte der Ordnungsämter, Mitarbeiter*innen von öffentlichen Verkehrsbetrieben oder Entsorgungsunternehmen, Lehrer*innen oder Beschäftigte in Jobcentern, Bürgerämtern, Bädern, bei Gerichten. Die Gruppe potentieller Betroffener, die beleidigt oder angegriffen werden, ist groß. Bei diesen Berufsgruppen besteht leider das große Problem, dass keine vergleichbaren Statistiken geführt werden. Es fehlt also an Zahlen. Das kritisieren wir seit langem!
Mit welchen Formen von Gewalt sehen sich Beschäftigte konfrontiert?
Die genannten Beispiele zeigen, dass Gewalterfahrungen in der Dienstausübung viele Facetten hat. Wir unterscheiden dabei zwischen psychischer Gewalt wie Beleidigung, Nötigung, Drohung, Abwertungen oder Belästigungen und physischer Gewalt. Was mittlerweile immer stärker hinzukommt, ist digitale Gewalt, also etwa das negative Bewerten von Sachbearbeiter*innen im Netz oder das Hochladen von Videoaufnahmen.
Der DGB trägt das Thema seit 2020 in die Politik und die Öffentlichkeit. Wie genau?
Der DGB hat zusammen mit seinen Mitgliedsgewerkschaften 2018 beschlossen, eine breit angelegte Initiative zu starten. Ihre Kernaussage ist zugleich ihr Titel, »Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch«. Beschäftigte im öffentlichen Dienst und in den privatisierten Unternehmen sind Menschen, die auch so zu behandeln sind. Sie sind für die Gesellschaft tätig, werden aber oft behandelt als wären sie der Grund allen Übels. Darauf machen wir aufmerksam und hoffen damit zu den Menschen durchzudringen. Daher sind wir im Internet ebenso präsent wie auf der Straße mittels Plakaten. Wir organisieren Veranstaltungen, bei denen wir mit Betroffenen und politisch Verantwortlichen ins Gespräch gehen, und besuchen Personal- und Betriebsversammlungen. Unsere Initiative bietet zugleich konkrete Unterstützung für Betroffene.
Wie sieht die Unterstützung konkret aus?
Es gibt eine Telefon-Hotline, die wir gemeinsam mit dem WEISSEN RING initiiert haben. Dort erhalten Betroffene unter 0800 116 0060 kostenfrei und anonym professionelle Hilfe. Im Rahmen dieser Kooperation bieten wir Workshops und Weiterbildungen an, die unter anderem Themen wie Stärkung der Resilienz und Umgang mit Konfliktsituationen zum Inhalt haben. Für Betroffene und für Personal- oder Betriebsräte. Auf unseren Veranstaltungen bieten wir darüber hinaus Raum für Vernetzung. Denn nichts ist schlimmer als das Gefühl, mit seinen Erfahrungen und Ängsten allein zu sein. Und wir veröffentlichen Broschüren und Materialien zum Thema.
Wird das Angebot genutzt?
Der Zuspruch ist groß und wächst weiter. Viele Betroffene sind regelrecht erleichtert, dass es die Initiative gibt. Sie fühlen sich endlich ernst genommen. Gerade bei Beschäftigten aus Bereichen, in denen der Bürger*innenkontakt zwingend zum Arbeitsalltag gehört, hat sich der Eindruck verfestigt, dass Gewaltvorfälle dazu gehören und hingenommen werden müssen. Leider haben Arbeitgeber und Dienstherren ihren Teil dazu beigetragen, indem sie auf die Entwicklung jahrelang nicht angemessen reagiert und beispielsweise von der Erstattung von Anzeigen abgeraten haben. Doch auch hier wandelt sich die Einstellung. Beschäftigte und deren Interessenvertretungen, aber auch immer mehr Arbeitgeber wollen mit uns zusammenarbeiten und ihren Teil dazu beitragen, die Entwicklung zu stoppen.
Was wurde bisher erreicht, was muss noch geschehen?
Wir stellen fest, dass das Thema seit 2020 mehr Öffentlichkeit erfährt und ernstgenommen wird. Mittlerweile gibt es viele Bundesländer oder Kommunen, die sich verstärkt um die Themen Prävention und Nachsorge kümmern. Daran hat auch die Initiative ihren Anteil. Aber klar ist, es gibt noch viel zu tun. Wir brauchen mehr Personal und eine angemessene Ausstattung, damit der Staat und seine Beschäftigten das Leben der Bürger*innen besser machen können. Aktuell läuft hier vieles schie. Den Unmut bekommen die Beschäftigten direkt zu spüren. Außerdem fehlt es an präventiven Schulungen. Auch die Nachsorge im Fall der Fälle muss über das Gesundheitsmanagement abgesichert sein. Dienststellen und Führungskräfte müssen flächendeckend sensibilisiert werden, damit Vorfälle und Beschäftigte ernst genommen und Übergriffe auch zur Anzeige gebracht werden. Und wir brauchen Zahlen, Daten und Fakten, um Maßnahmen noch gezielter zu steuern.
Hat die Politik das Problem erkannt?
Bedingt. Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung beispielsweise findet sich ein kurzer Passus zum notwenigen Schutz von Einsatzkräften. Das ist grundsätzlich gut, doch wird verkannt, dass der Kreis der Betroffenen längst über den Bereich der Rettungskräfte und Polizei hinausgeht. Unsere Aufgabe wird es weiterhin sein, der Politik das Ausmaß klarzumachen und auf mehr Personal, moderne Ausstattung und bessere Vor- und Nachsorge zu drängen.