Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch

Ich lösche
ein brennendes
Haus.

Und du bewirfst mich
mich Böllern?

Feuerwehrmann
Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch

Alexander, Feuerwehrmann

Welcher kleine Junge träumt nicht davon, Feuerwehrmann zu werden. Der Mythos des Guten, der Retter in der Not, schwebt über den Männern und Frauen mit Wasserschläuchen, Einsatzwagen und Brandschutzuniformen.

Auch Alexander startete schon früh seine Feuerwehrkarriere. Mit knapp 18 Jahren stieg er bei der freiwilligen Feuerwehr seiner Heimatregion im Landkreis Kassel ein. Die Ausbildung bei der Berufsfeuerwehr folgte mit 22. Heute sieht der 40-Jährige den Mythos des Traumberufs langsam bröckeln. Tägliche Pöbeleien bei sinkender Anerkennung und hohen Ansprüchen, eine wenig attraktive Bezahlung und nicht immer der notwendige Rückhalt aus Politik, Gesellschaft und manchmal auch der Führungsebene: Nicht ohne Grund leiden viele Berufsfeuerwehren in Deutschland unter akutem Nachwuchsmangel.

Fast 18 Jahre fährt Alexander schon Einsätze bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst. Denn neben der Brandbekämpfung liegt ein Fokus der Feuerwehr Kassel auch auf der rettungsdienstlichen Erstversorgung und den medizinisch notwendigen Krankentransporten. Dafür werden alle Feuerwehrbeamt*innen der Berufsfeuerwehr zu Rettungssanitäter*innen und viele auch weiterführend zu Rettungsassistent*innen oder Notfallsanitäter*innen ausgebildet. Zweimal die Woche haben Alexanders Kolleg*innen Dienst in 24-Stunden-Schichten. Für die Feuerwehrleute ganz normale Arbeitszeiten. Doch nicht nur die Einsatzzeiten sind anspruchsvoll. „Das Arbeitspensum und auch der qualitative Anspruch sind in allen Bereichen deutlich gestiegen“, resümiert Alexander, der sich lange Jahre im Personalrat engagierte. „Feuerwehr, Rettungsdienst und Leitstellenarbeit verlangen nach einem hohen spezifischen Fachwissen. Die Ausbildungen sind in den letzten Jahren viel umfassender geworden.“

Auch die Erwartungen der Bevölkerung an die Feuerwehr werden fordernder. „Früher waren wir die Guten. Heute wird gepöbelt, wenn wir drei Minuten später kommen.“ Dass die Bürger*innen aufgebracht sind, wenn der Rettungsdienst oder die Feuerwehr nicht schnell genug vor Ort erscheinen, kann Alexander nachvollziehen.

„Aber die Häufung der Übergriffe und das Gewaltpotenzial der eigentlich Hilfesuchenden ist schon erschreckend.“ Bei vielen Rettungsdiensteinsätzen, gerade an den Wochenenden, sind oft Alkohol oder andere Drogen im Spiel – da kann so manche Situation schnell eskalieren.

Beleidigungen seien für seine Kolleg*innen an der Tagesordnung. Auch Drohungen mit Schlagringen oder anderen waffenähnlichen Gegenständen habe er schon selbst erlebt. Als Auslöser reichen laut Alexander oft schon Kleinigkeiten oder falsche Gesten aus. „Bisher habe ich es immer geschafft, in brenzligen Situationen deeskalierend oder beruhigend zu wirken. Oft reicht es, den Leuten die ausgestreckte Hand vorzuhalten: bis hierhin und nicht weiter“, weiß er aus Erfahrung. „Aber immer öfter benötigen wir die Hilfe der Polizei.“

Wenig Personal bei hohen Ansprüchen

Dass Rettungsdienst oder Feuerwehr in manchen Fällen etwas länger brauchen, hat einen einfachen Grund: die Personaldecken nahezu aller Berufsfeuerwehren und Rettungsdienstorganisationen sind laut Alexander recht knapp bemessen. Der Stadt Kassel stehen etwa im Bereich der Berufsfeuerwehr insgesamt nur 31 Kolleg*innen rund um die Uhr zur Verfügung; im Vergleich zu anderen Städten sogar noch ein guter Schnitt. Zwar findet es der ehemalige Personalratsvorsitzende verständlich, dass die finanziellen Ressourcen der Kommune begrenzt sind.

„Aber die Erwartungshaltung nach sofortiger Hilfe – auch bei nicht wirklich dringlichen Einsätzen – ist bei vielen Bürgern sehr hoch“, weiß er. „Und die Einsatzzahlen, gerade auch die der medizinisch nicht notwendigen, steigen stetig“.

Erschwerend komme gerade im Rettungsdienst die hohe körperliche Belastung hinzu. Nicht ohne Grund sei bei vielen Rettungsdienstorganisationen das Durchschnittsalter sehr niedrig. „Bei uns fängt es schon mit 40 an, wehzutun“, sinniert Alexander. Auch wenn die Personalfluktuation bei den Feuerwehren im Vergleich zu vielen anderen Organisationen geringer sei, werden auch hier im Rettungsdienst oftmals die jüngeren Kolleg*innen eingesetzt. Doch oft fehle es ihnen an Wissen und Erfahrung im Umgang mit Aggressionen und Gewaltandrohungen. Das Problem: In der Standardausbildung wird der Umgang mit eskalierenden Situationen wenig bis gar nicht vermittelt. „Die Fähigkeit, bei aggressiver Stimmung ruhig zu bleiben – das muss trainiert und gelehrt werden“, fordert er.

Wollen sich Feuerwehrbeamt*innen im Bereich Deeskalation oder Selbstverteidigung weiterbilden, geschieht das bisher meist nur in der Freizeit und auf eigene Kosten. „Für unseren Beruf ist es aber essentiell, das richtige Verhalten zu erlernen oder zu trainieren, welche Form der Verteidigung die richtige ist“, so Alexander. „Denn nicht zuletzt ist der Einsatz von Gewalt für uns, wie für jeden anderen Bürger auch, nicht zulässig und kann strafrechtliche Konsequenzen haben.“ Doch sämtliche Kosten für ein Strafverfahren oder eine anwaltliche Vertretung müssen die Kolleg*innen selbst tragen. Hinzu komme, dass in vielen Fällen während einer laufenden Ermittlung die Arbeit im Einsatzdienst nicht zulässig ist. Das bedeutet weitere finanzielle Einbußen – unabhängig davon, ob man schuldig ist oder nicht. Gefühlt stünden laut Alexander die Feuerwehrleute in einem solchen Fall ziemlich alleine da.

„Aufgrund unseres Jobs ist unser Risiko für Übergriffe höher, da wäre eine bessere Absicherung wünschenswert“.

Ohne Aufwand wird es nicht gehen

Auch wenn Alexander mittlerweile nicht mehr regelmäßig auf den Löschfahrzeugen oder im Rettungsdienst eingesetzt ist, kann er die Belange und Ängste seiner Kolleg*innen noch gut verstehen. „Natürlich werden viele dieser Maßnahmen Geld kosten, aber die Sicherheit der Feuerwehrmänner und -frauen sollte es allemal wert sein“, sinniert der Einsatzleiter. „Die Welt um uns, die Werte, haben sich verändert. Daran müssen sich auch künftige Konzepte orientieren. Dabei geht es nicht nur um Geld und Arbeitszeit, es geht auch um fehlendes Ansehen, Schutz und Sicherheit.“

Text und Redaktion: Ines Hammer

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