Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch

Christian, Mitarbeiter im Allgemeinen Ordnungsdienst, Bezirksamt Berlin Mitte

Berlin Alexanderplatz. Ein Abend vor ein paar Jahren. Christian ist mit zwei seiner Kolleg*innen vom Ordnungsamt Berlin Mitte unterwegs auf Streife. Wie immer hat das Team jede Menge zu tun: Sie kontrollieren öffentliche Plätze, ahnden Abfallverunreinigungen oder unerlaubte Grillfeste, gehen Beschwerden wegen Ruhestörungen nach... die Aufgaben sind vielfältig und die Anrufe auf der Wache des Ordnungsamtes oft nicht alle zu bewältigen.

Gerade kontrollieren Christian und sein Team das Areal zwischen Fernsehturm und Neptunbrunnen. Ihnen fällt eine Gruppe junger Männer mit Schnapsflaschen auf. Doch in diesem Bereich ist öffentlicher Alkoholkonsum nicht erlaubt. Er will ihre Personalien überprüfen. Dass ihm das zum Verhängnis werden wird, ahnt der 52-Jährige noch nicht.

Unterwegs zu sein, unter Menschen, das war schon immer das Lebenselixier von Christian. Bis zu diesem Tag im Jahr 2014. Nach einer Ausbildung zum Polizeibeamten in seiner Heimatstadt Münster orientierte sich der Westfale um, reiste viele Jahre im Außenhandel durch Deutschland. „Für mich ist es der reinste Alptraum, den ganzen Tag im Büro zu sitzen.“ Schließlich wird er in Berlin sesshaft, liest hier eine Annonce: Das Ordnungsamt sucht Mitarbeiter. Für ihn die perfekte Stelle: „Als gelernter Polizist bietet der Ordnungsdienst viel Bekanntes. Wir haben die gleichen Befugnisse wie die Polizei, nur gehen wir eben keinen Straftaten, sondern Ordnungswidrigkeiten nach.“ Er bekommt den Job prompt und wird Anfang 2009 Mitarbeiter im Allgemeinen Ordnungsdienst (AOD) beim Bezirksamt Berlin Mitte.

Die Angst hat zugenommen

Die Arbeit erfüllt ihn, verändert sich über die Jahre aber auch. Einfach ist es fast nie. Denn mit ihrem Eingreifen machen sich die Mitarbeiter*innen des AOD nicht immer Freund*innen.

„Wir ernten oft Unverständnis. Wenn etwa Eltern den Verkehr blockieren, weil sie ihr Kind ins Schulgebäude bringen, muss ich eingreifen“, erläutert Christian. Doch oft verstehen die Eltern nicht, dass sie falsch handeln. Hauptsache, ihr Kind komme sicher zur Schule. Dieses diffuse Angstgefühl habe generell stark zugenommen.

„Die Gewaltbereitschaft ist höher geworden, leider auch durch Zugewanderte. Das merken wir in unserem Job täglich“, muss er feststellen. „Rentner kommen mit Tränen in den Augen zu uns, weil sie sich nicht trauen, U-Bahn zu fahren.“ Alleine gehen die Kolleg*innen daher nie auf Streife.

Als er den Job antrat, wollte Christian etwas bewegen. „Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass ich Jahre im Rückstand bin, hier für Ordnung zu sorgen.“ Um die Bezirke Mitte, Tiergarten und Wedding mit rund 300.000 Einwohner*innen kümmern sich 27 AOD-Mitarbeiter*innen. Durch das Schichtsystem sind für das gesamte Gebiet oft nur zehn von ihnen zeitgleich im Einsatz. „Für die Menge an Aufgaben und die Größe des Einsatzgebietes reicht das Personal hinten und vorne nicht. “ Und die wachsende Gewaltbereitschaft in der Stadt tue dazu ihr Übriges.

Ein Routineeinsatz eskaliert

Mehr Gewalt, wachsende Aggression, das kennt Christian aus dem eigenen Arbeitsalltag.

„Man hat mir das Knie eingetreten, mich mit einem Vorschlaghammer bedroht, Hunde auf mich gehetzt. Das alles kann ich noch verkraften. Was mich aber bis heute beschäftigt, ist der Vorfall am Alexanderplatz.“

Bei der Kontrolle der Männer weist er sie darauf hin, dass Alkoholkonsum hier verboten sei. Die Gruppe aus dem arabischen Raum zieht zähneknirschend weiter. Stunden später sieht das AOD-Team sie an anderer Stelle wieder. Die Männer trinken aus neuen Vodkaflaschen. Jetzt sind zwei junge Mädchen bei ihnen, die sie mit Alkohol und Zigaretten versorgen. „Wir mussten einschreiten. Die Mädchen waren gerade mal elf und 15 Jahre alt.“ Doch eines der Mädchen fällt Christians Kollegen an, wehrt sich mit Händen und Füßen. Christian will helfen, sie festhalten. Plötzlich schlägt die Situation um. Die Männer greifen ein; versuchen, das Mädchen aus den Händen der Beamten zu befreien.

„Ich hatte Todesangst!“

Christian sieht alles wie im Film an sich vorbeiziehen. „Die Situation eskalierte völlig unvorhergesehen von friedlich zu äußerst brutal.“ Seine Kollegin setzt einen Polizeinotruf ab, landet erst in der Warteschleife. Plötzlich hört er dumpfe Geräusche.

„Wenige Meter neben mir lockerten ein paar der Männer schwere Pflastersteine aus dem Boden. Ehe ich begriff, was geschah, flog ein Stein auf mich zu. Ich konnte den Kopf gerade noch zur Seite ziehen, sonst wäre ich heute nicht mehr hier.“

Jetzt gehen die Männer mit den Flaschen auf ihn los. Er versucht an sein Pfefferspray zu kommen, tritt und schlägt um sich. „Ich hatte Todesangst. Zum ersten Mal im Leben habe ich gespürt, was Verzweiflung ist!“ Endlich gelingt es ihm, das Pfefferspray gegen den Rädelsführer zu ziehen. Nach endlosen Minuten hört er die Polizeisirenen. Die Männer fliehen, doch der Polizei gelingt es, den Großteil zu stellen. Zwei von ihnen kann Christian identifizieren. Einer wird vor Gericht verurteilt. „Ich konnte nur von einem mit absoluter Sicherheit sagen, dass er Steine geworfen hat. Alles ging viel zu schnell.“

Tiefgreifende Nachwirkungen

Christian hat bei alledem nur eine Verletzung am Daumen davongetragen – äußerlich. Innerlich sah und sieht es anders aus. „Erst dachte ich, ich schaffe das. Aber die Angstzustände wurden immer schlimmer“, beschreibt er die Zeit nach dem Angriff. Er sucht psychologische Hilfe, fast drei Jahre ist er in Behandlung. Nichtsdestotrotz lebt er jetzt mit dem Status einer 40-prozentigen Behinderung, mit Gleichstellung zur Schwerbehinderung. Heute meidet der ehemals gesellige Fußballfan Menschenansammlungen, geht abends nicht mehr aus.

Früher, auch bei der Polizei, gelang es Christian problemlos, trotz drohender Gefahren keine Angst zu empfinden. Die mentale Vorbereitung war entscheidend. Doch der Angriff hat sein Leben verändert. „Wenn ich draußen bin, fahre ich mit erhöhtem Puls. Ich habe jetzt eine neue Vorstellung, wie gewaltbereit Menschen sein können.“ Er muss eine schwere Entscheidung treffen, wird in absehbarer Zeit in den Innendienst wechseln. Für den einst so reiselustigen Westfalen kaum vorstellbar, doch er will realistisch sein. Man hilft ihm im Amt, einen passenden Job zu finden.

„Ich habe großes Glück mit meinen Vorgesetzten, von Anfang an. Nach dem Vorfall hat unser Chef uns jegliche Hilfe zugesagt. Er war und ist ein Musterbeispiel an Fürsorge.“

„Das Ordnungsamt ist kein Fußabtreter!“

Trotz der psychischen Belastung für Christian erkennt die Unfallkasse Berlin die Folgen dieses Angriffs nicht an. Er ging vor Gericht, doch sein Anwalt sieht geringe Erfolgschancen. Die Kasse vertritt den Standpunkt, in solch einem Beruf müsse man mit diesen Konsequenzen rechnen. „Es ist schlimm, wenn die Gier den Anstand besiegt“, schüttelt Christian zornig den Kopf. Ihm fehlt es am Schutz durch die Politik. „Unsere Amtsleitung, der Außendienstleiter und der Bezirksbürgermeister geben uns zwar den vollen Rückhalt. Aber die höhere Politik schaut weg. Denn Sicherheit kostet Geld. Und das würde den Bürger übermäßig belasten.“

Christian sieht zudem ein wesentliches Problem in fehlender Aufklärung:

„Keiner kennt die Befugnisse des Ordnungsamtes und die Folgen eines Widerstandes. Jeder denkt, das Ordnungsamt sei eine Art Fußabtreter.“

Eine Idee aus Dresden begeistert Christian: Auf den Uniformen der AOD-Kolleg*innen ist jetzt „Polizeibehörde“ zu lesen. Die Übergriffe auf die Mitarbeiter*innen seien merklich zurückgegangen. „Das wäre eine kleine Maßnahme, die viel bewirken kann. Denn man kann ein Rudel Wölfe nicht mit einem Schaf beherrschen.“ Vielleicht wird ihm dieser Wunsch irgendwann erfüllt. Auch wenn er die Veränderung nicht mehr auf der Straße erleben, sondern vom Schreibtisch aus verfolgen muss. Zum Zeitpunkt des Interviews war Christian wieder krankgeschrieben, aufgrund eines erneuten tätlichen Angriffs im Dienst.

Text und Redaktion: Ines Hammer

Porträts
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Wer heute im öffentlichen und privatisierten Sektor arbeitet, der braucht ein dickes Fell! In kurzen Reportagen berichten Beschäftigte aus den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Dienstes.

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