Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch

News 2025

„Wir kümmern uns“ macht einen riesigen Unterschied

Foto von Andre Niewöhner von #sicherimdienst

© DGB / Danny Pusseit

Um der Gewalt im Dienst etwas entgegenzusetzen, braucht es Menschen aus der Praxis, die Strukturen verändern und konkrete Unterstützung möglich machen. Einer von ihnen ist André Niewöhner, Polizeidirektor und Leiter der Koordinierungsgruppe #sicherimDienst NRW. Im Interview spricht er darüber, wie Prävention, Werteorientierung und verlässliche Unterstützung für Betroffene vor Ort wirksam werden können.

Herr Niewöhner, Sie leiten die Koordinierungsgruppe #sicherimDienst. Was steckt dahinter und welche konkreten Unterstützungsmaßnahmen gibt es für Beschäftigte?

#sicherimDienst ist ein Gewaltschutznetzwerk der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, das Menschen im öffentlichen Dienst miteinander verbindet und schwerpunktmäßig nach Innen wirkt. Inzwischen vernetzen wir über 2.800 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Das sind Beschäftigte, Führungskräfte oder Verantwortliche aus Verwaltungen, Schulen, Kliniken, Rettungsdienst, Verkehrsbetrieben und vielen weiteren Bereichen.

Viele erleben Gewalt – und oftmals bleiben offene Fragen zurück. Genau hier setzen wir an: Wir bündeln gute Praxis, schaffen Orientierung und helfen Organisationen, klare Strukturen aufzubauen. Unser Ziel ist, Beschäftigten Handlungssicherheit zu geben und Arbeitgeber dabei zu unterstützen, sich zuverlässig und sichtbar zu kümmern. Damit werden Schutzmaßnahmen gefördert und die allgemeine Sicherheit im Arbeitsalltag von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesteigert. So entsteht echte Prävention im Alltag.

Im Rahmen unserer Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ kommen ständig neue Schwerpunktthemen, Sorgen und Bedarfe auf. Auch die Kampagne #sicherim Dienst läuft bereits seit einigen Jahren: Wie hat sich das Thema Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst in den letzten Jahren verändert und wie reagieren Sie mit Ihrer Arbeit darauf?

Gewalt nimmt zu – aber die eigentliche Herausforderung ist: Viele Vorfälle tauchen nirgends auf. Nur ein kleiner Teil landet in der Zeitung oder in internen Statistiken. Für viele Beschäftigte bedeutet das: Sie erleben Übergriffe, fühlen sich aber im eigenen Haus nicht gesehen. Genau dort setzen wir an: melden, dokumentieren, analysieren und daraus konkrete Maßnahmen ableiten. 

Wir helfen Organisationen dabei, klare Strukturen zu schaffen, damit Vorfälle nicht weggewischt werden, sondern zu Verbesserungen führen. Und das hat eine große Bedeutung:

Wenn Beschäftigte gestützt sind, stärkt das auch das Vertrauen in staatliche Einrichtungen insgesamt. In Zeiten, in denen demokratische Institutionen unter Druck stehen, ist das ein zentraler Baustein für Stabilität.

Das Präventionsnetzwerk #sicherimDienst stellt einen ganzheitlichen Gewaltschutz in den Mittelpunkt, der neben täterbezogenen Ursachen auch baulich-technische, organisationale und personenbezogene Einflussfaktoren berücksichtigt. Ganz konkret sprechen sie vom „Erfolgsfaktor Werteorientierung“ im öffentlichen Dienst. Was genau ist damit gemeint und gibt es konkrete Praxisbeispiele oder Erfolge?

Werteorientierung heißt: Sicherheit der Beschäftigten ist fester Teil der Arbeitskultur. Das zeigt sich im Alltag – zum Beispiel, wenn Führungskräfte regelmäßig fragen: „Gab es Vorfälle? Wie geht es euch?“ So wird Gewaltschutz selbstverständlich und niemand hat das Gefühl, etwas „groß machen“ zu müssen.

Im Netzwerk sehen wir viele solche guten Ansätze: klare Meldewege in Verwaltungen, strukturierte Nachsorge oder Gewaltschutzkonzepte in Kliniken. Obwohl die Arbeitsorte unterschiedlich sind, ähneln sich die Herausforderungen. Darum ist das Voneinander-Lernen so wirksam – Lösungen aus einer Organisation funktionieren oft auch in einer anderen.

Werteorientierung heißt aber auch, interne Abläufe und Strukturen zu beleuchten und sowohl das Verwaltungshandeln als auch das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger ganzheitlich zu betrachten. Wie kommunizieren die Beschäftigten mit den Bürgerinnen und Bürgern? Wie verhalten wir uns? Wie handeln wir? Dies betrifft konkrete Werte, Haltungen und kulturelle Aspekte wie Diskriminierungssensibilität. Wenn eine Organisation hier sensibel ist, lässt sich manche Eskalationsdynamik durch Kommunikation und Deeskalation verhindern.

Würden sie dem Satz „Sicherheit beginnt beim Menschen.“ für die Arbeit im öffentlichen Dienst zustimmen?

Ja – absolut. Technik und Strukturen sind wichtig, aber entscheidend ist das Verhalten in der Situation: Wie kommunizieren wir? Wie reagieren wir unter Stress? Erkennen wir früh genug, wenn eine Situation „kippt“ und es gefährlich wird? Handlungssicherheit und Klarheit geben vielen Beschäftigten das Gefühl, nicht ausgeliefert zu sein.

Kann eine werteorientierte Verwaltung dazu beitragen, das Vertrauen der Bürger*innen in den Staat wieder zu stärken und dadurch Gewalt gegen Repräsentant*innen zu vermeiden?

Ja. Wer transparent kommuniziert, klar erklärt, Entscheidungen nachvollziehbar macht und hinter den eigenen Beschäftigten steht, stärkt das Vertrauen der Bevölkerung. Menschen, die sich ernst genommen fühlen, reagieren seltener aggressiv. Das zeigen viele Rückmeldungen aus der Praxis. Es geht um gegenseitigen Respekt – nicht nur um den Respekt der Bürgerinnen und Bürger gegenüber den Beschäftigten. Das Vertrauen in staatliches Handeln wird dort gestärkt, wo der Staat sich selbst bürgerorientiert, rechtsstaatlich und professionell zeigt.

Wie können Führungskräfte mitwirken, dass Beschäftigte sich sicher und wertgeschätzt fühlen, auch jenseits von baulichen oder organisatorischen Maßnahmen?

Vor allem: zuhören, ernst nehmen, nicht relativieren. Beschäftigte müssen spüren, dass sie gesehen werden – gerade nach kritischen Situationen. Eine wertschätzende Haltung schafft Sicherheit, oft mehr als jede bauliche oder organisatorische Maßnahme.

Viele Rückmeldungen aus der Netzwerkarbeit zeigen: Ein kurzes, ehrliches „Wir kümmern uns“ macht einen riesigen Unterschied.

Trotz aller Prävention: Gewalt findet täglich statt. Im Rahmen der Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“ stehen aktuell z. B. konkrete Hilfsangebote wie eine Hotline für Betroffene im Mittelpunkt. Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend, wenn Beschäftigte Opfer von Angriffen oder Bedrohungen werden?

Entscheidend ist, dass Betroffene nicht alleine gelassen werden – und zwar sofort. Melden, dokumentieren, strukturiert nachbereiten. Und: klare Ansprechstellen, schnelle Unterstützung, kein „das gehört halt dazu“. Bei der Bezirksregierung Düsseldorf oder der Stadt Köln gibt es für solche Fälle beispielsweise ein eigenes „Mitarbeitenden-Unterstützungsteam“. Wir sehen hier eine Bringschuld der Organisation und keine Holschuld der einzelnen Beschäftigten. Menschen müssen merken: Wir kümmern uns und lassen dich damit nicht allein. 

Und zum Abschluss: Wenn Sie einen Wunsch an unsere Gesellschaft richten könnten – was sollte sich ändern, damit niemand mehr Angst haben muss, einfach nur seinen Dienst zu tun?

Gegenseitiger Respekt im Alltag. Ein kleiner Moment der Wertschätzung – an der Anmeldung im Krankenhaus, am Schalter, im Feuerwehreinsatz, bei einer Kontrolle – entspannt vieles. Solche Momente schützen Beschäftigte, stärken das Miteinander und am Ende auch unsere Gesellschaft. Und auf den Punkt gebracht: Einfach auch mal sehen – hier arbeiten Menschen.

Weitere Informationen zur Arbeit von #sicherimDienst, zu Unterstützungsangeboten und guten Praxisbeispielen finden Sie auf der Projektseite des Netzwerks.

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